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Juan Vallejo Corona - Die Morde
Zwischen Mai 1970 und Mai 1971 verschwanden im ländlichen Sutter County nahe Yuba City mehrere Männer, die am Rand der amerikanischen Gesellschaft lebten. Es handelte sich um Wanderarbeiter, überwiegend mexikanischer Herkunft, die saisonal in den Obstplantagen arbeiteten. Sie waren häufig alleinstehend und verfügten über kein enges soziales Netz vor Ort. Viele von ihnen lebten in einfachen Unterkünften nahe der Felder und wurden durch Arbeitsvermittler wie Juan Vallejo Corona vermittelt.
Die spätere Rekonstruktion der Ermittlungen ergab, dass die Mordserie im Mai 1970 begann. Das früheste gerichtlich zugeordnete Opfer wurde auf diesen Zeitraum datiert. Im Verlauf der folgenden Monate verschwanden weitere Männer. Ihre Namen tauchten erst wieder auf, als ein Rancher im Mai 1971 auf frische Erdaufschüttungen in einem Pfirsichhain stieß. Unter der Oberfläche lag eine Leiche. Kurz darauf eine zweite. Dann immer mehr.
Insgesamt wurden 25 Männer in flachen Gräbern entdeckt, die sich über mehrere Obstplantagen in Sutter County verteilten. Die Gräber befanden sich meist in unmittelbarer Nähe von Arbeitsfeldern oder Unterkünften. Die Gräber waren zwischen 30 und 90 Zentimeter tief und oft nur notdürftig zugeschaufelt. Eine aufwendige Tarnung gab es nicht. Die Erdaufschüttungen waren teilweise nur wenige Zentimeter über den Körpern sichtbar.
Die Opfer waren zwischen Anfang 20 und Ende 50 Jahre alt. Viele von ihnen waren über 40 Jahre alt und trugen Arbeitskleidung. Einige hatten persönliche Gegenstände bei sich. Systematische Fesselungen wurden nicht dokumentiert. Es fanden sich keine gesicherten Hinweise auf ein sexuelles Motiv.
Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen ergaben ein wiederkehrendes, brutales Muster: massive Schädelzertrümmerungen, tiefe Hiebverletzungen im Kopf- und Nackenbereich sowie häufig multiple Schläge pro Opfer. Als Tatwaffe wurde eine Machete oder ein machetenähnliches Werkzeug angenommen. Ein solcher Gegenstand war im landwirtschaftlichen Umfeld alltäglich. Die Verletzungen zeugten von erheblicher körperlicher Kraft und Nahdistanzangriffen. Mehrere Opfer wiesen Anzeichen von sogenanntem „Overkill“ auf, d. h. eine Gewaltintensität, die weit über das zur Tötung Notwendige hinausging.
Alle Fundorte befanden sich in einem engen geografischen Radius in Sutter County. Mehrere Gräber befanden sich auf Grundstücken, zu denen Corona beruflich Zugang hatte oder auf denen er selbst gearbeitet hatte. Es gab keine Hinweise auf komplexe Transportwege oder eine aufwendige Spurenbeseitigung. Die abgelegene Umgebung ersetzte offenbar jede ausgefeilte Vertuschung.
Die Ermittlungen konzentrierten sich schnell auf Corona. Er kannte viele der Opfer persönlich oder hatte über seine Tätigkeit als Arbeitsvermittler Kontakt zu ihnen. Am 26. Mai 1971 wurde er festgenommen. 1973 verurteilte ihn ein Gericht in allen 25 Fällen wegen Mordes ersten Grades. Nach einer zwischenzeitlichen Aufhebung des Urteils erfolgte 1982 die erneute Verurteilung in sämtlichen Anklagepunkten.
Im Verfahren konnte kein eindeutiges Motiv festgestellt werden. Weder eine finanzielle Bereicherung noch ein klar belegtes sexuelles oder ideologisches Motiv konnten gerichtsfest nachgewiesen werden. Zurück blieb das Bild einer Mordserie, die sich innerhalb eines Jahres im Schatten der Obstplantagen entwickelte und durch die soziale Unsichtbarkeit der Opfer sowie die abgeschiedene Landschaft begünstigt wurde, in der ihre Gräber lange unentdeckt blieben. Fünfundzwanzig Männer kamen zur Ernte und kehrten nie wieder zurück.
Die Opfer
Hinweis: Die meisten Opfer waren mexikanische Wanderarbeiter. Die Identifizierung einiger Opfer dauerte Monate. Die Altersangaben stammen aus Gerichtsakten, wobei einzelne Daten je nach Quelle leicht variieren.
Jose Maria Hernandez, 52, Pfirsichhain nahe Yuba City
Manuel Chavez, 45, Obstplantage Sutter County
Ysidro Rodriguez, 54, Feldrand nahe Feather River
Manuel Barrera, 41, Pfirsichhain
Ramon Gonzales, 56, Obstplantage
Jesus Duenas, 35, Feldweg Sutter County
Jose Villagomez, 23, Plantage nahe Arbeitsunterkunft
Manuel Garcia, 53, Pfirsichhain
Salvador Torres, 34, Obstplantage
Miguel Garcia, 49, Feld nahe Yuba City
Luis Garza, 25, Pfirsichhain
Jose Lopez, 56, Obstplantage
Guillermo Llamas, 45, Feld bei Tudor Road
Juan Corona (nicht verwandt), 59, Obstplantage
Miguel Corona, 37, Feld nahe Unterkunft
Ignacio Ramirea, 57, Pfirsichhain
Pedro Flores, 41, Obstplantage
Manuel Duenas, 52, Feld
Jose Castro, 45, Plantage
Salvador Sanchez, 42, Obstplantage
Juan Silva, 33, Feld
Jose Ayala, 31, Pfirsichhain
Angel Ramirez, 56, Obstplantage
Antonio Rios, 46, Feld
Jesus Romero, 38, Pfirsichhain
Die Opfer bildeten eine klar erkennbare soziale Gruppe: migrantische, männliche Landarbeiter mittleren Alters mit geringer sozialer Absicherung in der Region. Die Auswahl weist eine deutliche strukturelle Gemeinsamkeit auf, jedoch gibt es kein gerichtlich festgestelltes ideologisches oder sexuelles Motiv.
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Gerichtliche Beweisanalyse
Es handelt sich um die Anklageschrift des Sutter County aus dem Jahr 1973 mit der darauf folgenden Wiederaufnahme und erneuten Verurteilung im Jahr 1982. Der Fokus liegt ausschließlich auf gerichtlich verwerteten Beweisen.
Der Strafprozess gegen Juan Vallejo Corona zählte zu den bedeutendsten Indizienprozessen Kaliforniens in den 1970er Jahren. Nachdem im Mai 1971 25 Leichen in flachen Gräbern auf Obstplantagen im Sutter County entdeckt worden waren, konzentrierten sich die Ermittlungen rasch auf den Landarbeiter und Arbeitsvermittler, der in direktem beruflichem Kontakt zu vielen der Opfer gestanden hatte.
Zentral für die Anklage war die geografische Verbindung zwischen Täter und Tatorten. Mehrere der Massengräber befanden sich auf Grundstücken, auf denen Corona gearbeitet hatte oder zu denen er Zugang hatte. Alle Fundorte lagen in einem engen Radius um Yuba City. Da keine Hinweise auf größere Transportbewegungen oder fremde Tatortverlagerungen festgestellt wurden, wurde diese räumliche Nähe als starkes Indiz gewertet.
Ein weiterer Kernpunkt war die mutmaßliche Tatwaffe. Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen dokumentierten massive Hiebverletzungen im Kopf- und Nackenbereich der Opfer. Die Verletzungsmuster entsprachen Schlägen mit einer schweren, scharfen Hiebwaffe, wie etwa einer Machete oder einem machetenähnlichen Werkzeug. Im Umfeld Coronas wurde eine Machete sichergestellt. Aufgrund der damaligen technischen Möglichkeiten existierten jedoch keine DNA-Analysen oder modernen Spurenauswertungen. Die Verbindung beruhte somit auf forensischer Übereinstimmung von Wundbild und Werkzeugtyp, nicht auf molekularbiologischen Beweisen.
Für die Beweisführung von Bedeutung waren zudem die bei Corona gefundenen kleinen Notizhefte. Sie enthielten Namen, Zahlenfolgen und Einträge, deren genaue Bedeutung nicht eindeutig geklärt werden konnte. Die Staatsanwaltschaft interpretierte diese Aufzeichnungen als mögliche Dokumentation von Kontakten zu späteren Opfern. Die Verteidigung argumentierte hingegen, es handele sich um gewöhnliche Arbeits- oder Abrechnungsnotizen im Zusammenhang mit der Vermittlung von Landarbeitern. Das Gericht ließ die Notizhefte als Indiz zu, betrachtete sie jedoch nicht als allein ausschlaggebenden Beweis.
Auch Zeugenaussagen spielten eine zentrale Rolle. Mehrere Zeugen bestätigten, einzelne Opfer zuletzt in Begleitung von Corona gesehen zu haben. Da er als Arbeitsvermittler tätig war, war er für viele Wanderarbeiter die letzte bekannte Kontaktperson. Diese „Last Seen“-Konstellation wurde als belastendes Indiz gewertet, da zahlreiche Opfer kurz nach einem dokumentierten Kontakt mit ihm verschwanden.
Die Verteidigung versuchte, alternative Täterschaft in den Fokus zu rücken. Dabei stand insbesondere Coronas Halbbruder Natividad Ayala im Mittelpunkt, der 1970 in eine gewalttätige Machetenattacke verwickelt gewesen war und als psychisch auffällig galt. Die Verteidigung argumentierte, Ayala könne zumindest für einen Teil der Taten verantwortlich sein. Die Geschworenen folgten dieser Argumentation jedoch nicht.
Hinzu kam seine psychiatrische Vorgeschichte. Bereits 1955 hatte er einen schweren psychischen Zusammenbruch erlitten und war mit der Diagnose paranoide Schizophrenie in ein staatliches Krankenhaus eingewiesen worden. Die Verteidigung brachte diesen Umstand mit einer möglichen verminderten Schuldfähigkeit in Zusammenhang. Das Gericht erkannte jedoch keine vollständige Schuldausschließung an.
Der Prozess von 1973 endete mit einem Schuldspruch in allen 25 Anklagepunkten wegen Mordes ersten Grades, was 25 lebenslange Haftstrafen zur Folge hatte. Es handelte sich um einen reinen Indizienprozess: Es gab weder ein Geständnis noch Augenzeugen der Tathandlungen selbst. Kein einzelnes Beweisstück war für sich genommen entscheidend, sondern es kam auf die Gesamtschau der Indizien an: räumliche Nähe zu den Gräbern, beruflicher Zugang zu den Opfern, forensische Übereinstimmung mit einer Hiebwaffe, Zeugenaussagen zum letzten Kontakt sowie die sichergestellten Notizhefte.
1978 wurde das Urteil aufgrund von Verfahrensfehlern aufgehoben. 1982 kam es zu einem erneuten Prozess, der wiederum mit einer Verurteilung in sämtlichen 25 Fällen endete. Auch im zweiten Verfahren blieb die Beweisstruktur im Kern identisch: eine verdichtete Indizienkette ohne direkte Tatbeobachtung, die aus Sicht des Gerichts jedoch eine ausreichende Gesamtkohärenz aufwies.
Der Fall gilt bis heute als klassisches Beispiel eines groß angelegten Indizienverfahrens der 1970er Jahre, das nicht durch moderne forensische Technologien, sondern durch die juristische Bewertung einer Vielzahl miteinander verknüpfter Beweisfragmente entschieden wurde.