Tatzeitraum & Opfer
Aktiv von1978
Aktiv bis1983
Bestätigte Opfer8
AktionsradiusÜberwiegend Nord-London; zentrale Tatorte waren 195 Melrose Avenue in Cricklewood und 23 Cranley Gardens in Muswell Hill
OpfergruppenJunge Männer
Modus Operandi & Motive
Modus OperandiKontaktaufnahme überwiegend in der Londoner Ausgehwelt, Mitnahme in die Wohnung, anschließende Strangulation beziehungsweise in einzelnen Fällen Ertränken; danach Verbergen und teilweise Zerlegung sowie Beseitigung der Überreste
HauptmotiveNicht eindeutig geklärt. Nilsen selbst beschrieb unterschiedliche persönliche Motive und Bedürfnisse. Eine eindeutige, wissenschaftlich belegte Erklärung für sämtliche Taten existiert nicht
Rechtliches
Festnahmejahr1983
Urteillebenslange Freiheitsstrafe
HaftformGefängnis
Fallbeschreibungen
1
Psychologisches Profil
Bei Dennis Nilsen ist eine klare Trennung zwischen belegten psychiatrischen Befunden, seinen eigenen Aussagen und späteren kriminalpsychologischen Interpretationen erforderlich.
Während des Prozesses im Jahr 1983 wurde seine psychische Verfassung ausführlich untersucht. Die Verteidigung argumentierte mit „diminished responsibility“, also einer erheblich eingeschränkten strafrechtlichen Verantwortlichkeit infolge einer psychischen Störung. Die Jury folgte dieser Argumentation jedoch nicht und verurteilte ihn wegen Mordes.
Nilsen selbst beschrieb seine Taten später wiederholt aus seiner persönlichen Perspektive. Dabei stellte er unter anderem seine Einsamkeit, sein Bedürfnis nach Gesellschaft und seine Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Beziehungen heraus. Solche Aussagen sind für die Rekonstruktion seiner Gedankenwelt zwar relevant, stellen aber keine objektive psychologische Diagnose dar.
Auch die häufig anzutreffende Beschreibung Nilsens als „klassischer sexuell motivierter Serienmörder“ greift zu kurz. Zwar zeigen die gerichtlich festgestellten Taten ein ausschließlich männliches Opferspektrum, doch ein einheitliches sexuelles Motiv konnte nicht für alle Morde nachgewiesen werden. Ebenso lässt sich aus seiner Homosexualität keinerlei Erklärung für seine Taten ableiten. Seine sexuelle Orientierung und seine Morddelikte müssen voneinander getrennt betrachtet werden.
Aus den belegten Ereignissen lassen sich jedoch einige wiederkehrende Verhaltensmuster erkennen. Dazu gehören ein starkes Bedürfnis nach Gesellschaft und Nähe, erhebliche Schwierigkeiten bei dauerhaften sozialen Beziehungen, wiederholte Kontaktaufnahme mit Männern in der Londoner Ausgehwelt, die Nutzung der eigenen Wohnung als kontrollierter Tatort, das Verbergen der Leichen über längere Zeiträume, eine teilweise ungewöhnlich ausgeprägte Beschäftigung mit den Leichnamen nach dem Tod sowie die wiederholte Manipulation bzw. Veränderung der eigenen späteren Angaben. Diese Merkmale erlauben eine Beschreibung des Verhaltens, aber keine nachträgliche Diagnose einer bestimmten Persönlichkeitsstörung.
Nilsen zeigte ein ausgeprägtes Bedürfnis, die Situation und seine Opfer zu kontrollieren. Die Wohnung bot ihm dabei einen abgeschlossenen und kontrollierbaren Raum. Auffällig ist außerdem, dass die Tötungen nicht unmittelbar mit einer Flucht verbunden waren. Stattdessen behielt er die Leichen teilweise in seiner unmittelbaren Umgebung und beschäftigte sich anschließend mit deren Aufbewahrung und Beseitigung. Dieses Verhalten unterscheidet den Fall deutlich von Tätern, die ihre Opfer möglichst schnell verschwinden lassen wollten. Eine eindeutige Erklärung für dieses Verhalten existiert nicht. Aussagen über konkrete psychologische Motive müssen deshalb als Interpretation und nicht als gesicherte Tatsache gekennzeichnet werden.
2
Opferprofil und Viktimologie
Das Opferprofil von Dennis Nilsen weist einige klare Gemeinsamkeiten auf, gleichzeitig gibt es aber auch wichtige Ausnahmen. Alle acht namentlich identifizierten Opfer waren männlich. Sie waren zwischen 14 und 27 Jahre alt. Mehrere der Opfer waren jung und befanden sich zum Zeitpunkt ihres Todes in schwierigen sozialen oder persönlichen Lebenssituationen.
Nilsen lernte viele der Männer in Pubs, Bars oder an anderen Treffpunkten in London kennen. Teilweise nahm er sie anschließend mit in seine Wohnung. Damit befand sich die Auswahl der Opfer häufig in einem Umfeld, in dem Nilsen relativ unkompliziert fremde Männer kennenlernen konnte. Ein einheitliches soziales Profil lässt sich jedoch nicht feststellen.
Ein besonders deutliches Beispiel ist Kenneth Ockenden, ein kanadischer Tourist, der sich hinsichtlich seiner Lebenssituation von mehreren anderen Opfern unterschied. Er zeigt, dass Nilsens Opferauswahl nicht ausschließlich obdachlose oder sozial marginalisierte Männer betraf.
Auch das Alter variierte erheblich: Das jüngste identifizierte Opfer war der 14-jährige Stephen Holmes, das älteste der 27-jährige Graham Allen.
Trotz dieser Unterschiede lassen sich einige wiederkehrende Faktoren feststellen. Es handelte sich ausschließlich um männliche Opfer, überwiegend junge Männer. Die Kontaktaufnahme erfolgte im Londoner sozialen bzw. nächtlichen Umfeld. Häufig gab es keine enge vorherige Beziehung zwischen Täter und Opfer. Die Wohnung Nilsens war der zentrale Ort der späteren Tat. Die Opfer wurden somit überwiegend außerhalb ihres bisherigen persönlichen Umfelds ausgewählt. Nilsen musste seine späteren Opfer nicht über längere Zeit beobachten oder verfolgen, sondern konnte relativ kurzfristig Kontakte zu ihnen herstellen.
Das Opferprofil spricht eher für eine situative und zugängliche Opferauswahl als für ein eng begrenztes, äußerlich eindeutig erkennbares Beuteschema. Die Männer wurden nicht ausschließlich aufgrund ihres sozialen Status ausgewählt. Vielmehr scheint entscheidend gewesen zu sein, dass Nilsen einen persönlichen Kontakt herstellen und das jeweilige Opfer dazu bewegen konnte, mit ihm in seine Wohnung zu gehen. Ein konkretes Motiv für die Auswahl einzelner Männer lässt sich jedoch nicht bei jedem Opfer zweifelsfrei bestimmen.
3
Tatorte und Aktionsradius
Der räumliche Schwerpunkt der Mordserie lag in Nord-London. Während des Tatzeitraums nutzte Nilsen zwei Wohnungen als zentrale Tat- und Verbergungsorte.
195 Melrose Avenue, Cricklewood
Nilsen lebte zunächst in der 195 Melrose Avenue in Cricklewood. Dort begann Ende 1978 die nachweisbare Mordserie mit dem Tod von Stephen Holmes. Mehrere weitere identifizierte Opfer wurden ebenfalls in dieser Wohnung getötet. Darüber hinaus diente die Wohnung als Ort, an dem Nilsen Leichen beziehungsweise Leichenteile über längere Zeit aufbewahrte.
23 Cranley Gardens, Muswell Hill
Im Jahr 1981 zog Nilsen in die 23 Cranley Gardens in Muswell Hill. Auch dort setzte er seine Mordserie fort. Die späteren Opfer John Howlett, Graham Allen und Stephen Sinclair wurden mit dieser Wohnung in Verbindung gebracht. Schließlich wurde Cranley Gardens zum entscheidenden Ermittlungsort: Die Entdeckung menschlicher Überreste in der Abwasserleitung führte im Februar 1983 zur Aufdeckung der Verbrechen.
Damit konzentrierte sich Nilsens Tatort-Aktionsradius auf Nord-London, insbesondere auf die Bereiche Cricklewood und Muswell Hill. Die Opfer lernte er allerdings nicht ausschließlich in der unmittelbaren Umgebung seiner Wohnungen kennen. Er bewegte sich in verschiedenen Teilen Londons und nutzte Pubs und andere Treffpunkte, um Kontakte herzustellen. Ein weitreichendes, überregionales oder internationales Tatgebiet ist für die belegten Fälle nicht nachgewiesen.
4
Motiv
Ein eindeutig belegtes Motiv für die Tötungen von Dennis Nilsen konnte nie festgestellt werden. Nilsen selbst machte im Laufe der Zeit unterschiedliche Angaben zu seinen Beweggründen. Wiederkehrend beschrieb er jedoch ein starkes Bedürfnis nach Gesellschaft, Nähe und Kontrolle. Er wollte die Männer nach eigener Darstellung nicht einfach töten, sondern ihre Anwesenheit behalten und eine Form von Gesellschaft aufrechterhalten.
Besonders auffällig ist sein Verhalten nach den Tötungen: Nilsen bewahrte die Leichen teilweise über längere Zeit in seinen Wohnungen auf, anstatt sie unmittelbar zu beseitigen. Eine sexuelle Motivation lässt sich nicht als allgemeines Tatmotiv für die gesamte Mordserie belegen. Zwar waren alle identifizierten Opfer Männer und Nilsen war homosexuell, doch lassen sich seine Taten nicht allein oder eindeutig durch sexuelle Motive erklären. Auch die häufig verwendete Erklärung, Nilsen habe aus Angst vor Einsamkeit getötet, ist eine psychologische Interpretation und keine abschließend bewiesene Tatsache.
5
Die Aufdeckung der Mordserie
Die Aufdeckung der Verbrechen begann nicht mit einer Vermisstenanzeige, sondern mit einem Abwasserproblem in Nilsens Wohnhaus in Cranley Gardens. Anfang Februar 1983 stellten die Bewohner fest, dass die Abwasserleitung beziehungsweise die Toilette wiederholt verstopft war. Ein Mitarbeiter der beauftragten Firma untersuchte die Leitung und entdeckte menschliches Gewebe darin. Daraufhin wurde die Polizei eingeschaltet.
Am 9. Februar 1983 suchten Polizeibeamte Nilsen in seiner Wohnung auf. Bei der anschließenden Untersuchung wurden weitere menschliche Überreste gefunden. Nilsen wurde festgenommen und zur Polizeiwache gebracht. Während der Vernehmungen machte er umfangreiche Angaben zu den Tötungen. Dadurch erhielten die Ermittler Hinweise auf weitere Überreste und auf die frühere Wohnung in der Melrose Avenue.
Die Untersuchung der beiden Wohnungen offenbarte schließlich das ganze Ausmaß der Verbrechen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass nicht alle von Nilsen genannten Opfer identifiziert werden konnten. Der Fall weist somit eine ungewöhnliche Besonderheit auf: Ein alltägliches technisches Problem führte letztlich zur Aufdeckung einer jahrelang unentdeckten Mordserie.
6
Forensische Beweise und Rekonstruktion
Die Ermittlungen gegen Dennis Nilsen stützten sich nicht allein auf seine Geständnisse. Eine wesentliche Rolle spielten die menschlichen Überreste, die Spuren in seinen Wohnungen sowie die Aussagen von Überlebenden.
Die forensische Untersuchung der in Cranley Gardens gefundenen Überreste bestätigte, dass es sich um menschliches Gewebe und Knochen handelte. Die Ermittler konnten jedoch nicht in jedem Fall die Identität der Verstorbenen bestimmen. Gerade deshalb blieb die von Nilsen genannte Gesamtzahl der Opfer ungeklärt. Auch in seiner früheren Wohnung in der Melrose Avenue fanden die Ermittler Spuren, die mit seinen Aussagen über frühere Tötungen übereinstimmten.
Eine weitere wichtige Beweisquelle waren Männer, die Nilsens Angriffe überlebt hatten. Ihre Aussagen ermöglichten es der Staatsanwaltschaft, konkrete Tatabläufe unabhängig von Nilsens eigenen Angaben darzustellen.
Die forensischen Untersuchungen waren außerdem entscheidend dafür, einzelne Todesfälle von den zahlreichen weiteren Tötungen zu unterscheiden, die Nilsen lediglich behauptete. So entstand ein differenziertes Beweismuster. Es umfasste materielle Spuren und menschliche Überreste, forensische Untersuchungen, Nilsens eigene Aussagen, Aussagen überlebender Opfer und Vermisstenfälle sowie Identifizierungsversuche.
Nicht jede von Nilsen geschilderte Tötung konnte auf diese Weise bestätigt werden. Genau diese Beweislücke ist der Grund dafür, dass bis heute zwischen den sechs gerichtlich abgeurteilten Morden, den acht identifizierten Opfern und der von Nilsen behaupteten höheren Opferzahl unterschieden werden muss.
Zwar bilden Nilsens Geständnisse eine zentrale Quelle, sie sind aber nicht mit einem gerichtlichen Nachweis sämtlicher von ihm behaupteter Tötungen gleichzusetzen.
7
Überlebende und versuchte Morde
Nicht alle Männer, die Nilsen in seine Wohnung mitnahm und angriff, starben. Mehrere Überlebende wurden später zu wichtigen Zeugen im Strafverfahren. Zu den bekannten Überlebenden gehörten Douglas Stewart, Paul Nobbs, Andrew Ho und Carl Stotter. Ihre Aussagen ermöglichten den Ermittlern und dem Gericht, konkrete Angriffe zu rekonstruieren, ohne ausschließlich auf Nilsens eigene Schilderungen angewiesen zu sein.
Douglas Stewart
8
Öffentliche Wahrnehmung und Nachwirkung
Der Fall Dennis Nilsen löste nach seiner Festnahme und dem Prozess großes öffentliches Interesse in Großbritannien aus. Besonders außergewöhnlich war, dass die Verbrechen über mehrere Jahre hinweg weitgehend unentdeckt geblieben waren und erst durch die Entdeckung menschlicher Überreste in einer Abwasserleitung ans Licht kamen.
In der Berichterstattung stand vor allem die ungewöhnliche Natur des Falls und Nilsens Verhalten gegenüber den Leichen im Mittelpunkt. Dadurch entstand früh ein stark sensationalisiertes Bild des Täters. Auch die Frage nach der tatsächlichen Opferzahl blieb ein zentraler Bestandteil der öffentlichen Diskussion. Nilsen hatte zunächst deutlich mehr Tötungen angegeben, als später nachgewiesen werden konnten. Dadurch gibt es bis heute unterschiedliche Opferzahlen in Medien, Büchern und Dokumentationen.
Auch nach seiner Verurteilung blieb Nilsen Gegenstand öffentlicher und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Seine eigenen Schriften und Aussagen wurden wiederholt ausgewertet. Dabei dürfen seine Selbstdarstellungen nicht ungeprüft als Tatsachen übernommen werden. Der Fall wurde später in zahlreichen Dokumentationen, Büchern, Podcasts und fiktionalen Produktionen aufgearbeitet. Dadurch avancierte Nilsen zu einer der bekanntesten Figuren der britischen True-Crime-Geschichte.
Seine Verbrechen hinterließen eine besondere historische Spur: Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie viele Menschen tatsächlich durch ihn starben. Sicher identifiziert werden konnten acht Opfer, während Nilsen selbst weitere Tötungen behauptete. Damit besteht die Nachwirkung des Falls nicht nur in der Bekanntheit des Täters, sondern auch in einer bis heute offenen kriminalhistorischen Frage: Wer waren die nicht identifizierten Opfer – und wie viele gab es tatsächlich?
9
Quellen
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
European Court of Human Rights: Dennis Andrew Nilsen v. the United Kingdom, Application no. 36882/05, Decision, 2010
Prisons and Probation Ombudsman – Tod Nilsens
Prisons and Probation Ombudsman: Independent investigation into the death of Mr Dennis Nilsen, HMP Full Sutton, 12 May 2018
Zeitgenössische Prozessberichterstattung – The Guardian
Zeitgenössische Berichte des Journalisten Nick Davies aus dem Jahr 1983.
Zeitgenössischer Guardian-Bericht zum Prozessbeginn
Nick Davies, 25. Oktober 1983
ITV News
Die ITV-Dokumentation bietet eine gute Zusammenstellung der bekannten Opfer und der Entdeckung des Falls.