Die Opferchronologie
Der Morgen des 13. Oktobers 1972 begann unscheinbar. Herbert Mullin verließ das Haus seiner Eltern in Felton und fuhr mit seinem Chevrolet Kombi aus dem Jahr 1958 durch die kurvenreichen Straßen der Santa Cruz Mountains. In seinem Fahrzeug lag ein Baseballschläger, den er den späteren Ermittlungen zufolge bewusst mitgenommen hatte. Die Stimmen in seinem Kopf hatten sich inzwischen zu einem festen Bestandteil seines Alltags entwickelt. Sie redeten auf ihn ein, gaben Anweisungen und bestärkten ihn in der Überzeugung, dass Kalifornien kurz vor einer verheerenden Naturkatastrophe stehe. Seiner Vorstellung nach konnte nur ein Menschenopfer das drohende Erdbeben verhindern. Während seiner Fahrt bemerkte Mullin den 55-jährigen Lawrence „Whitey“ White, einen obdachlosen Mann, der am Straßenrand unterwegs war. White war in der Gegend bekannt. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten, schlief häufig im Freien und nahm Mitfahrgelegenheiten an, wenn sich welche boten. Für Herbert Mullin war er ein völlig Fremder. Mullin fuhr zunächst an ihm vorbei. Wenige Augenblicke später fasste er einen Entschluss. Er hielt seinen Wagen an, öffnete die Motorhaube und stellte sich so, als habe sein Fahrzeug eine Panne. White bemerkte den scheinbar hilflosen Autofahrer und bot ihm spontan seine Hilfe an. Laut späteren Aussagen Mullins wollte der Obdachlose im Gegenzug lediglich eine Mitfahrgelegenheit erhalten. Es war eine alltägliche Geste der Hilfsbereitschaft – und genau diese wurde ihm zum Verhängnis. Als sich Lawrence White über den geöffneten Motor beugte, griff Mullin nach dem Baseballschläger und schlug ihm mit voller Wucht gegen den Kopf. White brach sofort zusammen. Mullin setzte seine Schläge fort, bis keine Lebenszeichen mehr erkennbar waren. Die spätere Obduktion ergab, dass die schweren Schädelverletzungen zum Tod geführt hatten. Anschließend zog Mullin die Leiche einige Meter von der Straße weg in den Wald und ließ sie dort zurück. Am nächsten Tag wurde die Leiche entdeckt. Während die Ermittler zunächst von einem einzelnen Gewaltverbrechen ausgingen, hatte Herbert Mullin seine Tat in seinem eigenen Weltbild bereits vollständig gerechtfertigt. Später erklärte er den Psychiatern und Ermittlern, Lawrence White habe ihn telepathisch angesprochen. In seiner Vorstellung sei White die biblische Figur Jona gewesen und habe ihn aufgefordert, ihn zu töten, damit andere Menschen gerettet würden. Für Mullin war dies keine symbolische Botschaft oder ein Traum, sondern Realität. Die psychiatrischen Sachverständigen ordneten diese Aussage später eindeutig seinem ausgeprägten Wahnsystem zu. Für die Polizei gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Hinweis darauf, dass Lawrence White das erste Opfer eines Serienmörders geworden war. Es gab weder vergleichbare Taten noch ein erkennbares Motiv. Erst Monate später sollte sich zeigen, dass dieser Mord den Beginn einer vier Monate andauernden Blutspur markierte, die dreizehn Menschen das Leben kosten würde.
Nur elf Tage nach dem Mord an Lawrence „Whitey“ White war für Herbert Mullins die Schwelle zum Töten endgültig gefallen. Während der erste Mord in seinem Wahn noch den Charakter eines vermeintlich notwendigen Opfers trug, begann er nun, seine krankhaften Vorstellungen weiterzuentwickeln. Die Stimmen, die er nach eigener Aussage hörte, schienen ihn in seinem Handeln zu bestätigen. Für Mullins war der Tod des Obdachlosen kein Verbrechen gewesen, sondern der Beweis, dass er seine vermeintliche Mission erfüllen musste. Am 24. Oktober 1972 fuhr der 25-Jährige mit seinem Chevrolet durch Santa Cruz. Gegen Mittag bemerkte er die 24-jährige Cabrillo-College-Studentin Mary Margaret Guilfoyle, die per Anhalter unterwegs war. Sie war auf dem Weg zu einem Termin und nahm das Angebot einer Mitfahrgelegenheit an. Es sollte ihre letzte Entscheidung sein. Während der Fahrt griff Mullin plötzlich zu einem Jagdmesser und stach der jungen Frau unvermittelt in die Brust. Der Angriff kam völlig überraschend. Mary Guilfoyle hatte keine Möglichkeit, sich zu verteidigen oder aus dem Fahrzeug zu fliehen. Sie starb kurze Zeit später an ihren schweren Verletzungen. Anschließend fuhr Mullin in ein abgelegenes Waldgebiet im Bonny-Doon-Gebiet westlich von Santa Cruz und legte die Leiche dort ab. Was danach geschah, gehörte zu den verstörendsten Handlungen seiner gesamten Mordserie. Den Ermittlungen zufolge öffnete Mullin den Körper seines Opfers und entnahm mehrere Organe. Später erklärte er den Psychiatern, er habe überprüfen wollen, ob der menschliche Körper bereits durch Umweltverschmutzung vergiftet worden sei. Diese Vorstellung war Teil seines zunehmend komplexen Wahnsystems, in dem Umweltzerstörung, Naturkatastrophen und Menschenopfer untrennbar miteinander verbunden waren. Die Ermittler fanden keinerlei objektive Hinweise auf ein sexuelles Motiv. Die Verstümmelungen dienten laut Gutachten ausschließlich seinen krankheitsbedingten Wahnvorstellungen. Besonders bemerkenswert ist, dass der Leichnam von Mary Guilfoyle zunächst unentdeckt blieb. Erst im Februar 1973, nachdem Herbert Mullin bereits festgenommen worden war, wurden ihre sterblichen Überreste gefunden. Das zeitgleiche Auftreten eines zweiten Serienmörders im Santa-Cruz-Gebiet – Edmund Kemper – erschwerte zu diesem Zeitpunkt die Ermittlungen zusätzlich. Zeitweise prüften die Ermittler sogar, ob beide Fälle miteinander in Verbindung stehen könnten. Erst Mullins Geständnisse und weitere Beweise machten deutlich, dass Mary Guilfoyle zu seinen Opfern gehörte. Mit dem Tod der jungen Studentin veränderte sich Mullins Tatverhalten. Während Lawrence White noch mit einem Baseballschläger getötet worden war, griff Mullin nun zu einem Messer. In den folgenden Monaten sollte er die Tatwaffe erneut wechseln und schließlich überwiegend Schusswaffen einsetzen. Diese fehlende Konstanz erschwerte es den Ermittlern später erheblich, die einzelnen Taten miteinander in Verbindung zu bringen. Genau diese Mischung aus unterschiedlichen Tatwaffen, zufällig wirkenden Opfern und wechselnden Tatorten führte zunächst dazu, dass niemand hinter den Verbrechen einen einzigen Täter vermutete.
Nach dem Mord an Mary Margaret Guilfoyle verschlechterte sich Herbert Mullins' psychischer Zustand weiter. Laut seinen späteren Aussagen begannen die Stimmen, die er hörte, widersprüchliche Botschaften zu senden. Er zweifelte zeitweise sogar daran, ob die vermeintlichen Anweisungen tatsächlich von seinem verstorbenen Vater stammten oder ob man ihn täuschen wollte. Auf der Suche nach Antworten entschloss er sich, eine katholische Kirche aufzusuchen und seine Sünden zu beichten, in der Hoffnung, geistlichen Rat zu erhalten. Am 2. November 1972 betrat Herbert Mullin die St. Mary’s Catholic Church in Los Gatos, Kalifornien. Der 64-jährige Priester Father Henri Tomei nahm sich Zeit für das Beichtgespräch. Was während dieser Beichte tatsächlich gesprochen wurde, ist bis heute unbekannt. Pater Tomei nahm den Inhalt des Gesprächs mit ins Grab. Die einzige Schilderung des Geschehens stammt von Mullin selbst und muss deshalb mit großer Vorsicht betrachtet werden. Mullin behauptete später, der Priester habe sich während der Beichte freiwillig als nächstes Menschenopfer angeboten. Laut seiner Darstellung habe Tomei ihm zu verstehen gegeben, dass sein Tod notwendig sei, um das drohende Erdbeben in Kalifornien abzuwenden. Für diese Behauptung fanden die Ermittler jedoch keine Belege. Die psychiatrischen Sachverständigen werteten sie vielmehr als Ausdruck seines ausgeprägten Wahnsystems und seiner sogenannten wahnhaften Bedeutungszuschreibung. Unmittelbar nach der Beichte griff Mullin den Geistlichen an. Er schlug und trat auf Father Tomei ein und stach ihm anschließend mit einem Messer in die Brust. Der tödliche Stich traf das Herz. Der Priester starb noch am Tatort. Unmittelbar danach verließ Mullin die Kirche und verschwand, bevor Zeugen eingreifen konnten. Der Mord erschütterte die katholische Gemeinde weit über Los Gatos hinaus. Ein Priester war während der Ausübung seines seelsorgerischen Dienstes in einer Kirche getötet worden – ein Verbrechen, das selbst für erfahrene Ermittler außergewöhnlich war. Dennoch brachte zunächst niemand diese Tat mit den beiden vorangegangenen Morden an Lawrence White und Mary Guilfoyle in Verbindung. Die Vorgehensweise war völlig anders: White war mit einem Baseballschläger erschlagen worden und Guilfoyle war durch Messerstiche getötet und anschließend verstümmelt worden. Nun war ein Geistlicher nach einer Beichte Opfer eines Angriffs geworden. Ein gemeinsames Muster war für die Ermittler nicht erkennbar. Für Herbert Mullin selbst stellte der Mord an Father Tomei jedoch keinen Widerspruch dar. In seinem durch seine Krankheit verzerrten Weltbild hatte der Priester seine Zustimmung gegeben und sich freiwillig geopfert. Gerade dieser Umstand zeigt, wie weit Mullin sich zu diesem Zeitpunkt bereits von der Realität entfernt hatte. Er war nicht mehr in der Lage, zwischen tatsächlichen Ereignissen und den Botschaften seines Wahnsystems zu unterscheiden. Nach diesem Mord endete die Serie zunächst für fast drei Monate. Nach außen wirkte es, als sei der Täter verschwunden. Tatsächlich lebte Herbert Mullin jedoch weiterhin bei seinen Eltern in Felton. Während die Ermittler in drei unterschiedlichen Tötungsdelikten nach Zusammenhängen suchten, steigerte sich sein Wahn immer weiter. Als er Ende Januar 1973 erneut zur Waffe griff, sollte die Gewalt ein bis dahin ungekanntes Ausmaß annehmen.
Nach dem Mord an Father Henri Tomei blieb es fast drei Monate lang ruhig. Für die Ermittler schien es, als seien die drei Tötungsdelikte voneinander unabhängig. Nichts deutete darauf hin, dass ein einzelner Täter dahintersteckte. Währenddessen verschlechterte sich der psychische Zustand von Herbert Mullins weiter. Nach eigenen Angaben hatte er inzwischen sämtliche Drogen abgesetzt und war überzeugt, dass Cannabis und LSD sein Leben zerstört hätten. In seinem Wahnsystem machte er dafür einen bestimmten Menschen verantwortlich: Jim Ralph Gianera, einen ehemaligen Mitschüler, der ihm Jahre zuvor erstmals Marihuana angeboten hatte. Mullin war überzeugt, dass Gianera damit den Grundstein für seine psychische Erkrankung gelegt habe. Am 25. Januar 1973 machte sich Mullin mit mehreren Schusswaffen auf den Weg, um Gianera zu finden. Er fuhr zu der Adresse, an der sein ehemaliger Freund früher gewohnt hatte: eine abgelegene Hütte nahe der bekannten Touristenattraktion „Mystery Spot” in den Santa Cruz Mountains. Doch Jim Gianera lebte dort nicht mehr. Stattdessen öffnete ihm die 29-jährige Kathy Francis die Tür. Mullin erklärte, er suche einen alten Bekannten. Nichts an seinem Auftreten ließ erkennen, dass er nur wenige Minuten später zum Mörder werden würde. Kathy Francis kannte die Gianeras und nannte ihm bereitwillig deren neue Adresse. Damit wies sie, ohne es zu ahnen, den Weg zu den nächsten Opfern. Anschließend fuhr Mullin zur Wohnung von Jim Ralph Gianera und dessen Ehefrau Joan. Als Gianera die Tür öffnete, kam es zunächst zu einem kurzen Gespräch. Mullin warf ihm vor, sein Leben zerstört zu haben, indem er ihn Jahre zuvor mit Marihuana in Kontakt gebracht hatte. Was genau gesagt wurde, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Fest steht jedoch, dass Mullin plötzlich das Feuer eröffnete. Jim Gianera wurde mehrfach getroffen und versuchte, schwer verletzt, sich ins Obergeschoss zu seiner Frau zu retten. Mullin folgte ihm. Dort erschoss er auch Joan Gianera. Anschließend fügte er den beiden Leichen mit einem Messer weitere Verletzungen zu. Spätere rechtsmedizinische Untersuchungen ergaben, dass die meisten dieser Stichverletzungen erst nach dem Tod entstanden waren. Mit dem Doppelmord hätte die Gewalt enden können. Doch nun erkannte Mullin, dass Kathy Francis ihn zuvor gesehen hatte und ihn als Besucher identifizieren konnte. Nach seiner Logik durfte sie deshalb nicht am Leben bleiben. Er kehrte zu ihrem Haus zurück. Dort traf er auf Kathy Francis sowie die beiden Jungen David Hughes (9 Jahre) und Daemon Francis (4 Jahre). Ohne Vorwarnung eröffnete Mullin das Feuer. Alle drei starben noch im Haus. Anschließend verletzte er ihre Leichen auch noch mehrfach mit einem Messer. Ermittler fanden keinerlei Hinweise auf ein sexuelles Motiv oder einen persönlichen Konflikt. Die Tat diente ihrer Einschätzung nach ausschließlich dazu, eine mögliche Zeugin zu beseitigen – ein Umstand, der später im Prozess eine wichtige Rolle spielte, da er auf zielgerichtetes Handeln hindeutete. Als die Polizei die beiden Tatorte untersuchte, ging sie zunächst von einer Auseinandersetzung im Drogenmilieu aus. Sowohl Jim Gianera als auch Bob Francis, der Ehemann von Kathy Francis, standen in Verbindung zur damaligen Drogenszene. Die Ermittler vermuteten zunächst eine Abrechnung unter Drogendealern. Niemand brachte die fünf Morde mit den Tötungen von Lawrence White, Mary Margaret Guilfoyle oder Father Henri Tomei in Verbindung. Diese Fehleinschätzung verschaffte Herbert Mullin wertvolle Zeit. Während die Polizei in die falsche Richtung ermittelte, bereitete der Täter bereits seine nächsten Morde vor. Der 25. Januar 1973 markierte einen Wendepunkt in Herbert Mullins Mordserie. Innerhalb weniger Stunden tötete er fünf Menschen – mehr als an jedem anderen Tag seines Lebens. Zugleich zeigte sich erstmals, dass sein Handeln trotz seiner schweren Psychose nicht ausschließlich impulsiv war. Die Rückkehr zum Haus der Familie Francis, um eine mögliche Zeugin auszuschalten, wurde später von Staatsanwaltschaft und Gericht als Hinweis darauf gewertet, dass Mullin die Folgen seines Handelns durchaus erkennen konnte. Genau dieser Aspekt sollte Monate später entscheidend dafür sein, dass die Jury ihn trotz seiner diagnostizierten paranoiden Schizophrenie für strafrechtlich verantwortlich hielt.
Knapp zwei Wochen nach dem Fünffachmord vom 25. Januar 1973 war Herbert Mullin erneut auf der Suche nach einem Menschenopfer. Nach außen hin führte er das Leben eines unauffälligen jungen Mannes. In seinem Inneren jedoch war sein Wahnsystem inzwischen vollständig ausgeprägt. Er war überzeugt, dass jede weitere Tötung dazu beitrug, ein katastrophales Erdbeben in Kalifornien zu verhindern. Für ihn waren die Stimmen in seinem Kopf keine Krankheit, sondern eine höhere Wahrheit. Am 10. Februar 1973 wanderte Mullin durch den Henry Cowell Redwoods State Park bei Santa Cruz. Dort entdeckte er eine provisorische Zeltstelle im als „Garden of Eden“ bekannten Bereich des Parks. Vier Jugendliche hielten sich dort auf: David Oliker (18), Robert Spector (18), Brian Scott Card (19) und Mark Dreibelbis (15). Die Freunde campierten ohne Genehmigung dort und verbrachten das Wochenende gemeinsam in den Redwood-Wäldern. Mullin näherte sich der Gruppe zunächst ruhig. Er stellte sich als Parkranger vor und behauptete, das Camp müsse geräumt werden, da die Jugendlichen den Wald verschmutzt hätten und gegen die Parkregeln verstoßen hätten. Die vier jungen Männer nahmen den Fremden jedoch nicht ernst. Späteren Ermittlungen zufolge kam es zu einer kurzen Diskussion, bevor sie ihn aufforderten, weiterzugehen. Für die Jugendlichen war diese Begegnung lediglich eine unangenehme Unterbrechung ihres Ausflugs. Niemand ahnte, dass sie einem Serienmörder gegenüberstanden. Mullin entfernte sich zunächst vom Lager. In seiner späteren Aussage behauptete er, er habe die Jugendlichen anschließend „telepathisch” gefragt, ob er sie töten dürfe. In seinem Wahnsystem hätten alle vier zugestimmt. Diese Darstellung stammt ausschließlich von Mullin selbst und wurde von den psychiatrischen Sachverständigen als Ausdruck seiner paranoiden Schizophrenie bewertet. Für eine tatsächliche Kommunikation oder Zustimmung der Opfer existieren selbstverständlich keinerlei Hinweise. Mit einer Kleinkaliberpistole des Kalibers .22 kehrte Mullin kurze Zeit später zu dem Lager zurück. Ohne weitere Vorwarnung eröffnete er das Feuer. Schuss für Schuss traf er die Jugendlichen am Kopf. Die tödlichen Treffer erfolgten so schnell, dass kaum jemand eine Möglichkeit zur Flucht oder Gegenwehr hatte. Innerhalb weniger Augenblicke waren alle vier tot. Anschließend nahm Mullin das Gewehr der Jugendlichen im Kaliber .22 sowie 20 US-Dollar Bargeld an sich und verließ den Tatort. Es war der einzige bekannte Fall seiner Mordserie, in dem er Gegenstände seiner Opfer mitnahm. Die Ermittler gingen jedoch nicht von einem Raubmotiv aus. Sie werteten die Mitnahme der Waffe vielmehr als opportunistische Handlung nach den Morden. Die abgelegene Lage des Camps hatte zur Folge, dass das Verbrechen zunächst unentdeckt blieb. Erst einige Tage später wurden die Leichen gefunden. Für die Ermittler stellte sich erneut dieselbe Frage wie nach den vorangegangenen Tötungsdelikten: Gab es einen Zusammenhang? Die vier Jugendlichen, die scheinbar wahllos in einem Wald erschossen worden waren, passten jedoch weder zu den Morden an Lawrence White, Mary Guilfoyle oder Father Henri Tomei noch zu dem Fünffachmord Ende Januar. Unterschiedliche Opfer, unterschiedliche Tatorte und unterschiedliche Tatwaffen erschwerten die Ermittlungen erheblich. Gleichzeitig war mit Edmund Kemper ein weiterer Serienmörder im Raum Santa Cruz aktiv, was die Lage zusätzlich verkomplizierte. Für Herbert Mullin selbst stellte das Massaker eine weitere „Pflichterfüllung” dar. Später erklärte er, die Jugendlichen hätten den Wald verunreinigt und dadurch das natürliche Gleichgewicht gestört. Seiner Überzeugung nach waren ihre Tötungen notwendig, um eine weitaus größere Katastrophe zu verhindern. Diese Aussagen spiegeln das über Jahre hinweg entwickelte geschlossene Wahnsystem wider, das inzwischen jede moralische Grenze aufgehoben hatte. Drei Tage später sollte Herbert Mullin ein letztes Mal töten. Anders als bei allen vorherigen Verbrechen gab es diesmal jedoch einen Augenzeugen. Ein einziger Schuss auf einen älteren Mann in dessen Vorgarten führte innerhalb weniger Minuten zu seiner Festnahme und beendete eine der ungewöhnlichsten Mordserien der amerikanischen Kriminalgeschichte.
Drei Tage nach dem Vierfachmord im Henry Cowell Redwoods State Park war Herbert Mullin noch immer auf freiem Fuß. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Polizei noch nicht, dass sämtliche Tötungsdelikte der vergangenen Monate auf das Konto desselben Mannes gingen. Unterschiedliche Tatwaffen, verschiedene Opfergruppen und mehrere parallel laufende Ermittlungen hatten ein Erkennen des gemeinsamen Musters verhindert. Mullin selbst bewegte sich weiterhin scheinbar unauffällig durch Santa Cruz County. In seinem Wagen transportierte er Brennholz und die .22-Kaliber-Büchse, die er den vier Jugendlichen am Campingplatz abgenommen hatte. Am Vormittag des 13. Februars 1973 fuhr Mullin durch ein Wohngebiet in Santa Cruz. Dort fiel ihm der 72-jährige Fred Abbie Perez auf. Der ehemalige Boxer und Fischhändler arbeitete in seinem Vorgarten und kümmerte sich um sein Grundstück. Für den Rentner war es ein gewöhnlicher Dienstagmorgen. Er hatte keinerlei Verbindung zu Herbert Mullin und konnte nicht ahnen, dass er wenige Augenblicke später dessen letztes Opfer werden würde. Zunächst fuhr Mullin an dem Haus vorbei. Laut seiner späteren Aussage hörte er plötzlich erneut Stimmen, die ihm befahlen zu töten. Er wendete seinen Chevrolet-Kombi, kehrte um und hielt am Straßenrand an. Anschließend legte er das Gewehr auf die Motorhaube seines Fahrzeugs, zielte auf den ahnungslosen Fred Perez und feuerte einen einzigen Schuss ab. Das Projektil traf den Rentner direkt ins Herz. Perez brach zusammen und starb noch am Tatort. Anders als bei den vorherigen Morden hatte Mullin diesmal nicht mit Zeugen gerechnet. Mehrere Nachbarn hatten den Schuss gehört oder den Vorfall beobachtet. Besonders wichtig war die Aussage einer Nachbarin, die den flüchtenden Chevrolet sah und sich das Kennzeichen merkte. Noch während Mullin davonfuhr, alarmierte sie die Polizei und übermittelte eine genaue Beschreibung des Fahrzeugs. Damit verfügten die Ermittler erstmals über eine konkrete Spur zu dem Täter. Nur wenige Minuten später wurde die Fahrzeugbeschreibung über den Polizeifunk verbreitet. Ein Streifenbeamter entdeckte den Kombi, setzte sich hinter ihn und gab Herbert Mullin das Signal zum Anhalten. Mullin leistete keinen Widerstand. Er stellte das Auto ruhig am Straßenrand ab und ließ sich widerstandslos festnehmen. In dem Fahrzeug fanden die Beamten unter anderem das .22-Kaliber-Gewehr, das den vier Jugendlichen wenige Tage zuvor im Henry Cowell Redwoods State Park gehört hatte. Die Waffe sollte später zu einem wichtigen Beweisstück werden. Zunächst ahnte niemand, dass mit dieser Verkehrskontrolle eine der ungewöhnlichsten Mordserien der amerikanischen Kriminalgeschichte beendet worden war. Die Beamten gingen zunächst von einem einzelnen Tötungsdelikt aus. Erst die anschließenden Ermittlungen, ballistischen Gutachten und schließlich Mullins' eigene Aussagen brachten ans Licht, dass der unscheinbare 25-Jährige innerhalb von nur vier Monaten dreizehn Menschen ermordet hatte.
Während der Vernehmungen erklärte Herbert Mullin, dass auch Fred Perez ein notwendiges Opfer gewesen sei, um ein verheerendes Erdbeben in Kalifornien zu verhindern. Für die Ermittler waren diese Aussagen zunächst kaum nachvollziehbar. Erst die psychiatrischen Untersuchungen machten deutlich, dass sich hinter den scheinbar wahllosen Tötungen ein geschlossenes Wahnsystem verbarg. Dieses spielte im anschließenden Gerichtsverfahren eine zentrale Rolle – allerdings nicht bei der Frage, ob Mullin die Morde begangen hatte, sondern ob seine schwere psychische Erkrankung ihn strafrechtlich entschuldigen konnte.
Der Morgen des 13. Oktobers 1972 begann unscheinbar. Herbert Mullin verließ das Haus seiner Eltern in Felton und fuhr mit seinem Chevrolet Kombi aus dem Jahr 1958 durch die kurvenreichen Straßen der Santa Cruz Mountains. In seinem Fahrzeug lag ein Baseballschläger, den er den späteren Ermittlungen zufolge bewusst mitgenommen hatte. Die Stimmen in seinem Kopf hatten sich inzwischen zu einem festen Bestandteil seines Alltags entwickelt. Sie redeten auf ihn ein, gaben Anweisungen und bestärkten ihn in der Überzeugung, dass Kalifornien kurz vor einer verheerenden Naturkatastrophe stehe. Seiner Vorstellung nach konnte nur ein Menschenopfer das drohende Erdbeben verhindern. Während seiner Fahrt bemerkte Mullin den 55-jährigen Lawrence „Whitey“ White, einen obdachlosen Mann, der am Straßenrand unterwegs war. White war in der Gegend bekannt. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten, schlief häufig im Freien und nahm Mitfahrgelegenheiten an, wenn sich welche boten. Für Herbert Mullin war er ein völlig Fremder. Mullin fuhr zunächst an ihm vorbei. Wenige Augenblicke später fasste er einen Entschluss. Er hielt seinen Wagen an, öffnete die Motorhaube und stellte sich so, als habe sein Fahrzeug eine Panne. White bemerkte den scheinbar hilflosen Autofahrer und bot ihm spontan seine Hilfe an. Laut späteren Aussagen Mullins wollte der Obdachlose im Gegenzug lediglich eine Mitfahrgelegenheit erhalten. Es war eine alltägliche Geste der Hilfsbereitschaft – und genau diese wurde ihm zum Verhängnis. Als sich Lawrence White über den geöffneten Motor beugte, griff Mullin nach dem Baseballschläger und schlug ihm mit voller Wucht gegen den Kopf. White brach sofort zusammen. Mullin setzte seine Schläge fort, bis keine Lebenszeichen mehr erkennbar waren. Die spätere Obduktion ergab, dass die schweren Schädelverletzungen zum Tod geführt hatten. Anschließend zog Mullin die Leiche einige Meter von der Straße weg in den Wald und ließ sie dort zurück. Am nächsten Tag wurde die Leiche entdeckt. Während die Ermittler zunächst von einem einzelnen Gewaltverbrechen ausgingen, hatte Herbert Mullin seine Tat in seinem eigenen Weltbild bereits vollständig gerechtfertigt. Später erklärte er den Psychiatern und Ermittlern, Lawrence White habe ihn telepathisch angesprochen. In seiner Vorstellung sei White die biblische Figur Jona gewesen und habe ihn aufgefordert, ihn zu töten, damit andere Menschen gerettet würden. Für Mullin war dies keine symbolische Botschaft oder ein Traum, sondern Realität. Die psychiatrischen Sachverständigen ordneten diese Aussage später eindeutig seinem ausgeprägten Wahnsystem zu. Für die Polizei gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Hinweis darauf, dass Lawrence White das erste Opfer eines Serienmörders geworden war. Es gab weder vergleichbare Taten noch ein erkennbares Motiv. Erst Monate später sollte sich zeigen, dass dieser Mord den Beginn einer vier Monate andauernden Blutspur markierte, die dreizehn Menschen das Leben kosten würde.
Nur elf Tage nach dem Mord an Lawrence „Whitey“ White war für Herbert Mullins die Schwelle zum Töten endgültig gefallen. Während der erste Mord in seinem Wahn noch den Charakter eines vermeintlich notwendigen Opfers trug, begann er nun, seine krankhaften Vorstellungen weiterzuentwickeln. Die Stimmen, die er nach eigener Aussage hörte, schienen ihn in seinem Handeln zu bestätigen. Für Mullins war der Tod des Obdachlosen kein Verbrechen gewesen, sondern der Beweis, dass er seine vermeintliche Mission erfüllen musste. Am 24. Oktober 1972 fuhr der 25-Jährige mit seinem Chevrolet durch Santa Cruz. Gegen Mittag bemerkte er die 24-jährige Cabrillo-College-Studentin Mary Margaret Guilfoyle, die per Anhalter unterwegs war. Sie war auf dem Weg zu einem Termin und nahm das Angebot einer Mitfahrgelegenheit an. Es sollte ihre letzte Entscheidung sein. Während der Fahrt griff Mullin plötzlich zu einem Jagdmesser und stach der jungen Frau unvermittelt in die Brust. Der Angriff kam völlig überraschend. Mary Guilfoyle hatte keine Möglichkeit, sich zu verteidigen oder aus dem Fahrzeug zu fliehen. Sie starb kurze Zeit später an ihren schweren Verletzungen. Anschließend fuhr Mullin in ein abgelegenes Waldgebiet im Bonny-Doon-Gebiet westlich von Santa Cruz und legte die Leiche dort ab. Was danach geschah, gehörte zu den verstörendsten Handlungen seiner gesamten Mordserie. Den Ermittlungen zufolge öffnete Mullin den Körper seines Opfers und entnahm mehrere Organe. Später erklärte er den Psychiatern, er habe überprüfen wollen, ob der menschliche Körper bereits durch Umweltverschmutzung vergiftet worden sei. Diese Vorstellung war Teil seines zunehmend komplexen Wahnsystems, in dem Umweltzerstörung, Naturkatastrophen und Menschenopfer untrennbar miteinander verbunden waren. Die Ermittler fanden keinerlei objektive Hinweise auf ein sexuelles Motiv. Die Verstümmelungen dienten laut Gutachten ausschließlich seinen krankheitsbedingten Wahnvorstellungen. Besonders bemerkenswert ist, dass der Leichnam von Mary Guilfoyle zunächst unentdeckt blieb. Erst im Februar 1973, nachdem Herbert Mullin bereits festgenommen worden war, wurden ihre sterblichen Überreste gefunden. Das zeitgleiche Auftreten eines zweiten Serienmörders im Santa-Cruz-Gebiet – Edmund Kemper – erschwerte zu diesem Zeitpunkt die Ermittlungen zusätzlich. Zeitweise prüften die Ermittler sogar, ob beide Fälle miteinander in Verbindung stehen könnten. Erst Mullins Geständnisse und weitere Beweise machten deutlich, dass Mary Guilfoyle zu seinen Opfern gehörte. Mit dem Tod der jungen Studentin veränderte sich Mullins Tatverhalten. Während Lawrence White noch mit einem Baseballschläger getötet worden war, griff Mullin nun zu einem Messer. In den folgenden Monaten sollte er die Tatwaffe erneut wechseln und schließlich überwiegend Schusswaffen einsetzen. Diese fehlende Konstanz erschwerte es den Ermittlern später erheblich, die einzelnen Taten miteinander in Verbindung zu bringen. Genau diese Mischung aus unterschiedlichen Tatwaffen, zufällig wirkenden Opfern und wechselnden Tatorten führte zunächst dazu, dass niemand hinter den Verbrechen einen einzigen Täter vermutete.
Nach dem Mord an Mary Margaret Guilfoyle verschlechterte sich Herbert Mullins' psychischer Zustand weiter. Laut seinen späteren Aussagen begannen die Stimmen, die er hörte, widersprüchliche Botschaften zu senden. Er zweifelte zeitweise sogar daran, ob die vermeintlichen Anweisungen tatsächlich von seinem verstorbenen Vater stammten oder ob man ihn täuschen wollte. Auf der Suche nach Antworten entschloss er sich, eine katholische Kirche aufzusuchen und seine Sünden zu beichten, in der Hoffnung, geistlichen Rat zu erhalten. Am 2. November 1972 betrat Herbert Mullin die St. Mary’s Catholic Church in Los Gatos, Kalifornien. Der 64-jährige Priester Father Henri Tomei nahm sich Zeit für das Beichtgespräch. Was während dieser Beichte tatsächlich gesprochen wurde, ist bis heute unbekannt. Pater Tomei nahm den Inhalt des Gesprächs mit ins Grab. Die einzige Schilderung des Geschehens stammt von Mullin selbst und muss deshalb mit großer Vorsicht betrachtet werden. Mullin behauptete später, der Priester habe sich während der Beichte freiwillig als nächstes Menschenopfer angeboten. Laut seiner Darstellung habe Tomei ihm zu verstehen gegeben, dass sein Tod notwendig sei, um das drohende Erdbeben in Kalifornien abzuwenden. Für diese Behauptung fanden die Ermittler jedoch keine Belege. Die psychiatrischen Sachverständigen werteten sie vielmehr als Ausdruck seines ausgeprägten Wahnsystems und seiner sogenannten wahnhaften Bedeutungszuschreibung. Unmittelbar nach der Beichte griff Mullin den Geistlichen an. Er schlug und trat auf Father Tomei ein und stach ihm anschließend mit einem Messer in die Brust. Der tödliche Stich traf das Herz. Der Priester starb noch am Tatort. Unmittelbar danach verließ Mullin die Kirche und verschwand, bevor Zeugen eingreifen konnten. Der Mord erschütterte die katholische Gemeinde weit über Los Gatos hinaus. Ein Priester war während der Ausübung seines seelsorgerischen Dienstes in einer Kirche getötet worden – ein Verbrechen, das selbst für erfahrene Ermittler außergewöhnlich war. Dennoch brachte zunächst niemand diese Tat mit den beiden vorangegangenen Morden an Lawrence White und Mary Guilfoyle in Verbindung. Die Vorgehensweise war völlig anders: White war mit einem Baseballschläger erschlagen worden und Guilfoyle war durch Messerstiche getötet und anschließend verstümmelt worden. Nun war ein Geistlicher nach einer Beichte Opfer eines Angriffs geworden. Ein gemeinsames Muster war für die Ermittler nicht erkennbar. Für Herbert Mullin selbst stellte der Mord an Father Tomei jedoch keinen Widerspruch dar. In seinem durch seine Krankheit verzerrten Weltbild hatte der Priester seine Zustimmung gegeben und sich freiwillig geopfert. Gerade dieser Umstand zeigt, wie weit Mullin sich zu diesem Zeitpunkt bereits von der Realität entfernt hatte. Er war nicht mehr in der Lage, zwischen tatsächlichen Ereignissen und den Botschaften seines Wahnsystems zu unterscheiden. Nach diesem Mord endete die Serie zunächst für fast drei Monate. Nach außen wirkte es, als sei der Täter verschwunden. Tatsächlich lebte Herbert Mullin jedoch weiterhin bei seinen Eltern in Felton. Während die Ermittler in drei unterschiedlichen Tötungsdelikten nach Zusammenhängen suchten, steigerte sich sein Wahn immer weiter. Als er Ende Januar 1973 erneut zur Waffe griff, sollte die Gewalt ein bis dahin ungekanntes Ausmaß annehmen.
Nach dem Mord an Father Henri Tomei blieb es fast drei Monate lang ruhig. Für die Ermittler schien es, als seien die drei Tötungsdelikte voneinander unabhängig. Nichts deutete darauf hin, dass ein einzelner Täter dahintersteckte. Währenddessen verschlechterte sich der psychische Zustand von Herbert Mullins weiter. Nach eigenen Angaben hatte er inzwischen sämtliche Drogen abgesetzt und war überzeugt, dass Cannabis und LSD sein Leben zerstört hätten. In seinem Wahnsystem machte er dafür einen bestimmten Menschen verantwortlich: Jim Ralph Gianera, einen ehemaligen Mitschüler, der ihm Jahre zuvor erstmals Marihuana angeboten hatte. Mullin war überzeugt, dass Gianera damit den Grundstein für seine psychische Erkrankung gelegt habe. Am 25. Januar 1973 machte sich Mullin mit mehreren Schusswaffen auf den Weg, um Gianera zu finden. Er fuhr zu der Adresse, an der sein ehemaliger Freund früher gewohnt hatte: eine abgelegene Hütte nahe der bekannten Touristenattraktion „Mystery Spot” in den Santa Cruz Mountains. Doch Jim Gianera lebte dort nicht mehr. Stattdessen öffnete ihm die 29-jährige Kathy Francis die Tür. Mullin erklärte, er suche einen alten Bekannten. Nichts an seinem Auftreten ließ erkennen, dass er nur wenige Minuten später zum Mörder werden würde. Kathy Francis kannte die Gianeras und nannte ihm bereitwillig deren neue Adresse. Damit wies sie, ohne es zu ahnen, den Weg zu den nächsten Opfern. Anschließend fuhr Mullin zur Wohnung von Jim Ralph Gianera und dessen Ehefrau Joan. Als Gianera die Tür öffnete, kam es zunächst zu einem kurzen Gespräch. Mullin warf ihm vor, sein Leben zerstört zu haben, indem er ihn Jahre zuvor mit Marihuana in Kontakt gebracht hatte. Was genau gesagt wurde, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Fest steht jedoch, dass Mullin plötzlich das Feuer eröffnete. Jim Gianera wurde mehrfach getroffen und versuchte, schwer verletzt, sich ins Obergeschoss zu seiner Frau zu retten. Mullin folgte ihm. Dort erschoss er auch Joan Gianera. Anschließend fügte er den beiden Leichen mit einem Messer weitere Verletzungen zu. Spätere rechtsmedizinische Untersuchungen ergaben, dass die meisten dieser Stichverletzungen erst nach dem Tod entstanden waren. Mit dem Doppelmord hätte die Gewalt enden können. Doch nun erkannte Mullin, dass Kathy Francis ihn zuvor gesehen hatte und ihn als Besucher identifizieren konnte. Nach seiner Logik durfte sie deshalb nicht am Leben bleiben. Er kehrte zu ihrem Haus zurück. Dort traf er auf Kathy Francis sowie die beiden Jungen David Hughes (9 Jahre) und Daemon Francis (4 Jahre). Ohne Vorwarnung eröffnete Mullin das Feuer. Alle drei starben noch im Haus. Anschließend verletzte er ihre Leichen auch noch mehrfach mit einem Messer. Ermittler fanden keinerlei Hinweise auf ein sexuelles Motiv oder einen persönlichen Konflikt. Die Tat diente ihrer Einschätzung nach ausschließlich dazu, eine mögliche Zeugin zu beseitigen – ein Umstand, der später im Prozess eine wichtige Rolle spielte, da er auf zielgerichtetes Handeln hindeutete. Als die Polizei die beiden Tatorte untersuchte, ging sie zunächst von einer Auseinandersetzung im Drogenmilieu aus. Sowohl Jim Gianera als auch Bob Francis, der Ehemann von Kathy Francis, standen in Verbindung zur damaligen Drogenszene. Die Ermittler vermuteten zunächst eine Abrechnung unter Drogendealern. Niemand brachte die fünf Morde mit den Tötungen von Lawrence White, Mary Margaret Guilfoyle oder Father Henri Tomei in Verbindung. Diese Fehleinschätzung verschaffte Herbert Mullin wertvolle Zeit. Während die Polizei in die falsche Richtung ermittelte, bereitete der Täter bereits seine nächsten Morde vor. Der 25. Januar 1973 markierte einen Wendepunkt in Herbert Mullins Mordserie. Innerhalb weniger Stunden tötete er fünf Menschen – mehr als an jedem anderen Tag seines Lebens. Zugleich zeigte sich erstmals, dass sein Handeln trotz seiner schweren Psychose nicht ausschließlich impulsiv war. Die Rückkehr zum Haus der Familie Francis, um eine mögliche Zeugin auszuschalten, wurde später von Staatsanwaltschaft und Gericht als Hinweis darauf gewertet, dass Mullin die Folgen seines Handelns durchaus erkennen konnte. Genau dieser Aspekt sollte Monate später entscheidend dafür sein, dass die Jury ihn trotz seiner diagnostizierten paranoiden Schizophrenie für strafrechtlich verantwortlich hielt.
Knapp zwei Wochen nach dem Fünffachmord vom 25. Januar 1973 war Herbert Mullin erneut auf der Suche nach einem Menschenopfer. Nach außen hin führte er das Leben eines unauffälligen jungen Mannes. In seinem Inneren jedoch war sein Wahnsystem inzwischen vollständig ausgeprägt. Er war überzeugt, dass jede weitere Tötung dazu beitrug, ein katastrophales Erdbeben in Kalifornien zu verhindern. Für ihn waren die Stimmen in seinem Kopf keine Krankheit, sondern eine höhere Wahrheit. Am 10. Februar 1973 wanderte Mullin durch den Henry Cowell Redwoods State Park bei Santa Cruz. Dort entdeckte er eine provisorische Zeltstelle im als „Garden of Eden“ bekannten Bereich des Parks. Vier Jugendliche hielten sich dort auf: David Oliker (18), Robert Spector (18), Brian Scott Card (19) und Mark Dreibelbis (15). Die Freunde campierten ohne Genehmigung dort und verbrachten das Wochenende gemeinsam in den Redwood-Wäldern. Mullin näherte sich der Gruppe zunächst ruhig. Er stellte sich als Parkranger vor und behauptete, das Camp müsse geräumt werden, da die Jugendlichen den Wald verschmutzt hätten und gegen die Parkregeln verstoßen hätten. Die vier jungen Männer nahmen den Fremden jedoch nicht ernst. Späteren Ermittlungen zufolge kam es zu einer kurzen Diskussion, bevor sie ihn aufforderten, weiterzugehen. Für die Jugendlichen war diese Begegnung lediglich eine unangenehme Unterbrechung ihres Ausflugs. Niemand ahnte, dass sie einem Serienmörder gegenüberstanden. Mullin entfernte sich zunächst vom Lager. In seiner späteren Aussage behauptete er, er habe die Jugendlichen anschließend „telepathisch” gefragt, ob er sie töten dürfe. In seinem Wahnsystem hätten alle vier zugestimmt. Diese Darstellung stammt ausschließlich von Mullin selbst und wurde von den psychiatrischen Sachverständigen als Ausdruck seiner paranoiden Schizophrenie bewertet. Für eine tatsächliche Kommunikation oder Zustimmung der Opfer existieren selbstverständlich keinerlei Hinweise. Mit einer Kleinkaliberpistole des Kalibers .22 kehrte Mullin kurze Zeit später zu dem Lager zurück. Ohne weitere Vorwarnung eröffnete er das Feuer. Schuss für Schuss traf er die Jugendlichen am Kopf. Die tödlichen Treffer erfolgten so schnell, dass kaum jemand eine Möglichkeit zur Flucht oder Gegenwehr hatte. Innerhalb weniger Augenblicke waren alle vier tot. Anschließend nahm Mullin das Gewehr der Jugendlichen im Kaliber .22 sowie 20 US-Dollar Bargeld an sich und verließ den Tatort. Es war der einzige bekannte Fall seiner Mordserie, in dem er Gegenstände seiner Opfer mitnahm. Die Ermittler gingen jedoch nicht von einem Raubmotiv aus. Sie werteten die Mitnahme der Waffe vielmehr als opportunistische Handlung nach den Morden. Die abgelegene Lage des Camps hatte zur Folge, dass das Verbrechen zunächst unentdeckt blieb. Erst einige Tage später wurden die Leichen gefunden. Für die Ermittler stellte sich erneut dieselbe Frage wie nach den vorangegangenen Tötungsdelikten: Gab es einen Zusammenhang? Die vier Jugendlichen, die scheinbar wahllos in einem Wald erschossen worden waren, passten jedoch weder zu den Morden an Lawrence White, Mary Guilfoyle oder Father Henri Tomei noch zu dem Fünffachmord Ende Januar. Unterschiedliche Opfer, unterschiedliche Tatorte und unterschiedliche Tatwaffen erschwerten die Ermittlungen erheblich. Gleichzeitig war mit Edmund Kemper ein weiterer Serienmörder im Raum Santa Cruz aktiv, was die Lage zusätzlich verkomplizierte. Für Herbert Mullin selbst stellte das Massaker eine weitere „Pflichterfüllung” dar. Später erklärte er, die Jugendlichen hätten den Wald verunreinigt und dadurch das natürliche Gleichgewicht gestört. Seiner Überzeugung nach waren ihre Tötungen notwendig, um eine weitaus größere Katastrophe zu verhindern. Diese Aussagen spiegeln das über Jahre hinweg entwickelte geschlossene Wahnsystem wider, das inzwischen jede moralische Grenze aufgehoben hatte. Drei Tage später sollte Herbert Mullin ein letztes Mal töten. Anders als bei allen vorherigen Verbrechen gab es diesmal jedoch einen Augenzeugen. Ein einziger Schuss auf einen älteren Mann in dessen Vorgarten führte innerhalb weniger Minuten zu seiner Festnahme und beendete eine der ungewöhnlichsten Mordserien der amerikanischen Kriminalgeschichte.
Drei Tage nach dem Vierfachmord im Henry Cowell Redwoods State Park war Herbert Mullin noch immer auf freiem Fuß. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Polizei noch nicht, dass sämtliche Tötungsdelikte der vergangenen Monate auf das Konto desselben Mannes gingen. Unterschiedliche Tatwaffen, verschiedene Opfergruppen und mehrere parallel laufende Ermittlungen hatten ein Erkennen des gemeinsamen Musters verhindert. Mullin selbst bewegte sich weiterhin scheinbar unauffällig durch Santa Cruz County. In seinem Wagen transportierte er Brennholz und die .22-Kaliber-Büchse, die er den vier Jugendlichen am Campingplatz abgenommen hatte. Am Vormittag des 13. Februars 1973 fuhr Mullin durch ein Wohngebiet in Santa Cruz. Dort fiel ihm der 72-jährige Fred Abbie Perez auf. Der ehemalige Boxer und Fischhändler arbeitete in seinem Vorgarten und kümmerte sich um sein Grundstück. Für den Rentner war es ein gewöhnlicher Dienstagmorgen. Er hatte keinerlei Verbindung zu Herbert Mullin und konnte nicht ahnen, dass er wenige Augenblicke später dessen letztes Opfer werden würde. Zunächst fuhr Mullin an dem Haus vorbei. Laut seiner späteren Aussage hörte er plötzlich erneut Stimmen, die ihm befahlen zu töten. Er wendete seinen Chevrolet-Kombi, kehrte um und hielt am Straßenrand an. Anschließend legte er das Gewehr auf die Motorhaube seines Fahrzeugs, zielte auf den ahnungslosen Fred Perez und feuerte einen einzigen Schuss ab. Das Projektil traf den Rentner direkt ins Herz. Perez brach zusammen und starb noch am Tatort. Anders als bei den vorherigen Morden hatte Mullin diesmal nicht mit Zeugen gerechnet. Mehrere Nachbarn hatten den Schuss gehört oder den Vorfall beobachtet. Besonders wichtig war die Aussage einer Nachbarin, die den flüchtenden Chevrolet sah und sich das Kennzeichen merkte. Noch während Mullin davonfuhr, alarmierte sie die Polizei und übermittelte eine genaue Beschreibung des Fahrzeugs. Damit verfügten die Ermittler erstmals über eine konkrete Spur zu dem Täter. Nur wenige Minuten später wurde die Fahrzeugbeschreibung über den Polizeifunk verbreitet. Ein Streifenbeamter entdeckte den Kombi, setzte sich hinter ihn und gab Herbert Mullin das Signal zum Anhalten. Mullin leistete keinen Widerstand. Er stellte das Auto ruhig am Straßenrand ab und ließ sich widerstandslos festnehmen. In dem Fahrzeug fanden die Beamten unter anderem das .22-Kaliber-Gewehr, das den vier Jugendlichen wenige Tage zuvor im Henry Cowell Redwoods State Park gehört hatte. Die Waffe sollte später zu einem wichtigen Beweisstück werden. Zunächst ahnte niemand, dass mit dieser Verkehrskontrolle eine der ungewöhnlichsten Mordserien der amerikanischen Kriminalgeschichte beendet worden war. Die Beamten gingen zunächst von einem einzelnen Tötungsdelikt aus. Erst die anschließenden Ermittlungen, ballistischen Gutachten und schließlich Mullins' eigene Aussagen brachten ans Licht, dass der unscheinbare 25-Jährige innerhalb von nur vier Monaten dreizehn Menschen ermordet hatte.
Während der Vernehmungen erklärte Herbert Mullin, dass auch Fred Perez ein notwendiges Opfer gewesen sei, um ein verheerendes Erdbeben in Kalifornien zu verhindern. Für die Ermittler waren diese Aussagen zunächst kaum nachvollziehbar. Erst die psychiatrischen Untersuchungen machten deutlich, dass sich hinter den scheinbar wahllosen Tötungen ein geschlossenes Wahnsystem verbarg. Dieses spielte im anschließenden Gerichtsverfahren eine zentrale Rolle – allerdings nicht bei der Frage, ob Mullin die Morde begangen hatte, sondern ob seine schwere psychische Erkrankung ihn strafrechtlich entschuldigen konnte.
