Tatzeitraum & Opfer
Modus Operandi & Motive
Rechtliches
Niels Högel ist der größte Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der ehemalige Intensivkrankenpfleger wurde wegen 85 Morden verurteilt, wobei die Ermittler zeitweise von deutlich mehr Opfern ausgingen. Seine Taten ereigneten sich zwischen 2000 und 2005 in Krankenhäusern in Niedersachsen.
Wer ist Niels Högel?
Niels Högel wurde am 30. Dezember 1976 in Wilhelmshaven geboren. Er wuchs in geordneten Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete als Krankenpfleger, seine Mutter als Rechtsanwaltsfachangestellte. Auch seine Großmutter war im Pflegebereich tätig. Nach der Schule absolvierte Högel eine Ausbildung zum Krankenpfleger am damaligen St.-Willehad-Hospital in Wilhelmshaven. Anschließend begann er seine berufliche Laufbahn im Gesundheitswesen. 1997 schloss er seine Ausbildung zum Krankenpfleger in Wilhelmshaven ab. Von 1999 bis 2002 arbeitete er auf der herzchirurgischen Intensivstation im Klinikum Oldenburg und von 2002 bis 2005 auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst. In diesen Jahren beging Högel den Großteil seiner später nachgewiesenen Taten. Bereits damals fiel eine ungewöhnlich hohe Zahl medizinischer Notfälle während seiner Schichten auf. Kollegen nannten ihn intern teilweise einen „Wiederbelebungsspezialisten“, da er bei Reanimationen auffällig oft anwesend war.
Die Vorgehensweise von Niels Högel war außergewöhnlich und erschütternd. Er verabreichte schwer kranken Patienten ohne medizinische Indikation Medikamente, die lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen oder Kreislaufzusammenbrüche auslösten, darunter insbesondere Antiarrhythmika wie Ajmalin, Gilurytmal oder Sotalol/Sotalex. Anschließend versuchte er häufig, die Patienten zu reanimieren, um sich gegenüber Kollegen als kompetenter „Lebensretter” zu inszenieren. Viele Patienten überlebten diese künstlich ausgelösten Krisen jedoch nicht. Er selbst erklärte später, er habe den „Kick“ gesucht und Anerkennung erleben wollen. Richter sprachen später von einer „Gier nach Spannung“ als Tatmotiv.
Wie viele Menschen tötete Niels Högel?
Niels Högel wurde 2019 wegen 85-fachen Mordes verurteilt. Zuvor war er bereits in anderen Verfahren wegen weiterer Taten verurteilt worden. Insgesamt gilt dies als die größte nachgewiesene Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Verdachtsfälle: Die Ermittler überprüften mehr als 300 verdächtige Todesfälle. Insgesamt wurden in 332 Fällen Ermittlungen wegen Mordverdachts geführt. In vielen Fällen ließen sich aufgrund fehlender Beweise, Einäscherungen oder des Zeitablaufs keine gerichtsfesten Nachweise mehr führen. Staatsanwaltschaft und Sonderkommission halten jedoch eine deutlich höhere Opferzahl für möglich. Die Opfer von Högel waren überwiegend ältere oder schwerkranke Intensivpatienten, Menschen in medizinisch instabilen Zuständen, bewusstlose oder sedierte Personen, die auf Intensivstationen in Oldenburg und Delmenhorst behandelt wurden. Das jüngste bekannte Opfer war Mitte 30, das älteste über 90 Jahre alt. Viele Angehörige erfuhren erst Jahre später durch Exhumierungen und Ermittlungen, dass ihre Familienmitglieder möglicherweise Opfer eines Serienmörders geworden waren.
Am 22. Juni 2005 beobachtete eine Kollegin in der Klinik Delmenhorst, wie Högel einem Patienten ein Medikament ohne ärztliche Anordnung spritzte. Der Patient starb kurze Zeit später. Dieser Vorfall löste interne Untersuchungen und später polizeiliche Ermittlungen aus. Mehrere Klinikmitarbeiter meldeten sich unabhängig voneinander bei den Behörden und äußerten den Verdacht, dass Högel bereits für zahlreiche ungeklärte Todesfälle verantwortlich sein könnte. Der Fall entwickelte sich zu einem der größten Medizinskandale Deutschlands. Besonders brisant war die Frage: Warum stoppte ihn niemand früher? Spätere Ermittlungen ergaben, dass Auffälligkeiten im Klinikum schon Jahre zuvor bemerkt worden waren. So gab es beispielsweise intern Hinweise auf ungewöhnlich viele Reanimationen während Högels Schichten. Dennoch wurde er nicht sofort gestoppt, sondern lediglich in ein anderes Krankenhaus versetzt. Der Fall führte später zu massiver Kritik an den Klinikleitungen, den Aufsichtspflichten und einer mutmaßlichen „Kultur des Wegsehens“.
Später beschrieben psychiatrische Gutachter Högel als Täter mit einer kombinierten Persönlichkeitsstörung. Ihm wurden unter anderem folgende Merkmale attestiert: narzisstische Züge, antisoziale Persönlichkeitsanteile, zwanghafte Eigenschaften, ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, eine geringe Empathie und eine hohe Manipulationsneigung. Zudem beschrieben die Gutachter ihn als notorisch unglaubwürdig und bescheinigten ihm nur geringe Erfolgsaussichten für eine Therapie. Gleichzeitig wurde er jedoch als voll schuldfähig eingestuft.
Am 6. Juni 2019 verurteilte das Landgericht Oldenburg Niels Högel wegen 85-fachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Zusätzlich stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest, wodurch eine Entlassung nach 15 Jahren praktisch ausgeschlossen ist. Niels Högel lebt nach öffentlich bekannten Informationen weiterhin. Er befindet sich im Strafvollzug in Deutschland. Im März 2026 entschied das Landgericht Oldenburg, dass Högel mindestens 28 Jahre Haft verbüßen muss, bevor eine mögliche Entlassung überhaupt geprüft werden kann. Selbst danach wäre eine Freilassung nur bei einer positiven psychiatrischen Gefährlichkeitsprognose denkbar.
Warum der Fall Niels Högel historisch einzigartig ist
Der Fall des Niels Högel gilt als historisch außergewöhnlich: Es handelt sich um die größte bekannte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte, die Taten ereigneten sich innerhalb eines Krankenhaussystems, viele Opfer konnten erst Jahre später identifiziert werden, die Kliniken nahmen die Warnzeichen offenbar zu spät ernst und bis heute bleibt ungeklärt, wie viele Menschen Högel tatsächlich getötet hat.