1
Eine Opferchronologie – Die Morde von Eberswalde
9. Mai 1969 – Der erste Junge
Es ist ein milder Frühlingstag in Eberswalde. Kinder spielen auf den Straßen und die Wälder rund um die Stadt sind für sie ein vertrauter Ort: Rückzugsraum, Abenteuer, Freiheit. Ein zehnjähriger Junge verlässt sein Zuhause. Nichts deutet darauf hin, dass dies sein letzter Weg sein wird. Irgendwo zwischen den Wegen und Lichtungen begegnet er einem jungen Mann. Jemand, der nicht bedrohlich wirkt. Vielleicht spricht er ihn freundlich an, vielleicht entsteht ein kurzes Gespräch. Was genau gesagt wird, bleibt für immer unbekannt. Der Junge folgt ihm. Erst Stunden später beginnt die Suche. Eltern, Nachbarn, später auch die Polizei suchen ihn, doch da ist es bereits zu spät. Die Leiche des Kindes wird in einem Waldgebiet gefunden. Die Ermittler erkennen schnell die Brutalität der Tat: Es handelt sich um ein Sexualdelikt. Danach wurde der Junge erdrosselt. Noch wirkt alles wie ein tragischer Einzelfall. Doch allmählich beginnt sich ein Muster zu formen.
14. Juni 1969 – Das Muster wird sichtbar
Fünf Wochen später. Wieder verschwindet ein Junge. Diesmal ist er 13 Jahre alt. Wieder ist es ein Kind aus Eberswalde. Wieder endet ein vertrauter Alltag abrupt. Die Angst wächst – zunächst unausgesprochen, dann immer greifbarer. Die Suche verläuft ähnlich wie beim ersten Fall. Und wieder führt sie in den Wald. Als die Leiche gefunden wird, bestätigt sich, was die Ermittler inzwischen befürchten. Die Tat weist dieselben Merkmale auf: Ansprache des Opfers, Mitnahme an einen abgelegenen Ort, sexuelle Gewalt, Strangulation. Ansprache des Opfers, Mitnahme an einen abgelegenen Ort, sexuelle Gewalt, Strangulation. Spätestens jetzt ist klar: Hier handelt es sich nicht mehr um Zufall. Ein Täter wiederholt sein Vorgehen. In den Ermittlungsakten beginnt sich ein Profil zu verfestigen: ein junger Mann, ortskundig und ruhig genug, um Vertrauen zu gewinnen.
3. Juli 1969 – Ein erneuter Mord
Nur wenige Wochen später geschieht es erneut. Ein neunjähriger Junge verschwindet. Diesmal reagieren viele Eltern schneller und wachsamer, doch auch das kann den Ablauf nicht mehr verhindern. Die Suche läuft intensiver als zuvor. Mehr Menschen, mehr Druck, mehr Angst. Als das Kind gefunden wird, ist die Gewissheit endgültig. Die Tat entspricht erneut dem bekannten Muster, doch es gibt eine Veränderung. Der Täter versucht, die Leiche zu verbergen. Ein Zeichen dafür, dass sich etwas verschiebt. Vielleicht steigende Routine. Oder ein wachsendes Bewusstsein für die Fahndung. Oder der Versuch, Zeit zu gewinnen. Für die Ermittler ist es der Wendepunkt.
Die Verbindung der Taten
Innerhalb von weniger als zwei Monaten starben drei Jungen. Sie waren zwischen 9 und 13 Jahre alt. Sie alle stammen aus derselben Stadt. Sie wurden zuletzt alle in der Nähe von Waldgebieten gesehen. Das Muster ist eindeutig: gezielte Auswahl junger Opfer, Annäherung über Vertrauen, identischer Tatablauf und gleiche Tötungsmethode. Die Mordserie ist nun klar erkennbar.
Während die Bevölkerung zunehmend verunsichert ist, bleibt die öffentliche Berichterstattung in der DDR stark eingeschränkt. Offizielle Warnungen sind rar, vieles geschieht hinter den Kulissen. Doch in Eberswalde selbst verändert sich der Alltag. Kinder gehen nicht mehr allein in den Wald. Die Eltern werden vorsichtiger. Gerüchte verbreiten sich schneller als Informationen. Ein unsichtbarer Täter bestimmt das Leben einer ganzen Stadt.
Erst die Kombination aus Zeugenaussagen und der klaren Struktur der Taten führt schließlich zur Identifizierung des Täters. Mehrere Kinder berichten, dass sie von einem jungen Mann angesprochen wurden – er war freundlich, unauffällig und nicht sofort verdächtig. Diese Hinweise bringen die Ermittler auf eine Spur, die nur wenige Tage nach dem dritten Mord zur Festnahme führt.
Es gibt keine weiteren belegten Opfer. Alle darüber hinausgehenden Angaben sind nicht gesichert.
2
Ein Täterprofil
Aus kriminalpsychologischer Sicht lässt sich der Fall des DDR-Serienmörders Erwin Hermann Hagedorn als ein klar strukturiertes Beispiel eines organisierten Sexualtäters einordnen. Die zwischen Mai und Juli 1969 im Raum Eberswalde begangenen Morde zeigen ein konsistentes Verhaltensmuster, das sich sowohl in der Auswahl der Opfer als auch in der Durchführung der Taten durch eine auffällige Stabilität auszeichnet. Diese Konstanz ist ein zentraler Hinweis darauf, dass Hagedorn nicht impulsiv handelte, sondern einem bereits vor den Taten entwickelten inneren Handlungsskript folgte.
Im Zentrum seines Verhaltens steht eine sexuell deviante Motivation mit pädophiler Ausrichtung. Die Opfer, Jungen im Alter von neun bis dreizehn Jahren, entsprechen einem klar definierten Präferenzschema, was auf eine früh fixierte sexuelle Entwicklung hindeutet. Die Taten folgen dabei einem wiederkehrenden inneren Ablauf: Zunächst entsteht eine Fantasie, die den Täter zunehmend unter Druck setzt. Darauf folgt die gezielte Suche nach einem passenden Opfer, die Annäherung über Vertrauen und schließlich die Kontrolle über das Kind. Die sexuelle Handlung bildet den Kern der Tat, während die anschließende Tötung funktional eingebettet ist – sie dient der Vermeidung von Entdeckung und dem vollständigen Machterhalt über das Opfer. In diesem Zusammenhang ist die Strangulation somit nicht als impulsiver Gewaltakt, sondern als kontrollierte, zielgerichtete Handlung innerhalb des Tatablaufs zu verstehen.
Die Wahl der Tatorte unterstreicht dieses strukturierte Vorgehen zusätzlich. Alle bekannten Verbrechen ereigneten sich in Waldgebieten rund um Eberswalde. Diese Orte waren einerseits abgelegen genug, um ungestört zu handeln, lagen aber andererseits innerhalb eines für den Täter vertrauten Bewegungsraums. Dieses Verhalten entspricht dem klassischen Konzept der „Comfort Zone“: Der Täter operiert in einem Umfeld, das ihm Sicherheit bietet, das Risiko minimiert und ihm gleichzeitig die Kontrolle über die Situation erleichtert. Daraus lässt sich schließen, dass Hagedorn über eine gute Ortskenntnis verfügte und seine Taten nicht zufällig, sondern bewusst innerhalb dieses geografischen Rahmens geplant und ausgeführt hat.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die klare Trennung zwischen Modus Operandi und Signaturverhalten. Zum Modus Operandi zählen die funktionalen Elemente der Tat: das Ansprechen der Opfer, das Verbringen in den Wald, die Tötung durch Strangulation und im letzten Fall der Versuch, die Leiche zu verbergen. Diese Elemente können sich theoretisch an äußere Umstände anpassen. Die Signatur, also die psychologisch motivierten Kernelemente, bleibt hingegen konstant: die sexuelle Komponente, das Bedürfnis nach Kontrolle und die Wiederholung eines spezifischen Handlungsmusters. Genau diese Stabilität zeigt, dass die Taten nicht situationsbedingt variieren, sondern Ausdruck eines inneren Zwangssystems sind.
Die zeitliche Abfolge der Morde deutet zudem auf ein typisches Eskalationsmuster hin. Innerhalb weniger Wochen steigt die Frequenz der Taten, ohne dass sich das Vorgehen grundlegend verändert. Dies spricht für eine zunehmende innere Spannung, die durch die Taten kurzfristig reduziert wird, sich jedoch rasch wieder aufbaut. Gleichzeitig zeigt der dritte Mord eine leichte Anpassung, nämlich das Verbergen der Leiche, was auf ein wachsendes Bewusstsein für den Ermittlungsdruck hindeutet. Diese Kombination aus wachsender Sicherheit und beginnender Anpassung ist charakteristisch für frühe Serienphasen.
In Bezug auf die Persönlichkeitsstruktur ergibt sich das Bild eines äußerlich unauffälligen, sozial isolierten Täters mit eingeschränkter emotionaler Bindungsfähigkeit. Während er nach außen hin kontrolliert und angepasst wirken konnte, deutet sein Verhalten auf eine ausgeprägte innere Fantasiewelt hin, in der Kontrolle, Dominanz und sexuelle Vorstellungen eng miteinander verknüpft sind. Auffällig ist insbesondere die fehlende Empathie gegenüber den Opfern. Diese werden nicht als eigenständige Personen wahrgenommen, sondern lediglich als Mittel zur Befriedigung innerer Bedürfnisse. Dieses instrumentelle Denken ist ein zentrales Merkmal vieler organisierter Sexualtäter.
Die forensischen Gutachten der damaligen Zeit stuften Hagedorn als voll schuldfähig und hochgradig rückfallgefährdet ein. Aus heutiger kriminalpsychologischer Sicht gilt diese Einschätzung als konsistent. Die Kombination aus fixierter sexueller Präferenz, fehlender sozialer Kontrolle und der schnellen Wiederholung der Taten innerhalb eines kurzen Zeitraums deutet darauf hin, dass ohne seine Festnahme weitere Verbrechen sehr wahrscheinlich gewesen wären.
Betrachtet man den Fall als Ganzes, so zeigt sich ein nahezu lehrbuchhaftes Muster eines frühen Seriensexualtäters: eine klar definierte Opfergruppe, ein stabiles und wiederholbares Tatmuster, eine organisierte Vorgehensweise sowie eine tief verankerte psychosexuelle Motivation. Besonders bemerkenswert ist dabei das junge Alter des Täters in Verbindung mit der hohen strukturellen Klarheit seiner Taten. Dies macht den Fall zu einem außergewöhnlichen Beispiel in der kriminalhistorischen Betrachtung von Serienverbrechen in der DDR und unterstreicht die Bedeutung einer detaillierten Analyse solcher Täterprofile.