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Kiyoshi Ōkubo: Der Serienmörder von Gunma
Im Frühjahr 1971 begann in der japanischen Präfektur Gunma eine Mordserie, bei der innerhalb weniger Wochen acht junge Frauen ihr Leben verloren. Die Opfer waren zwischen 16 und 21 Jahre alt. Was zunächst wie eine Reihe voneinander unabhängiger Vermisstenfälle erschien, entwickelte sich zu einem der aufsehenerregendsten Kriminalfälle Japans jener Zeit.
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stand Kiyoshi Ōkubo. Der damals 36-Jährige hatte bereits eine lange Vorgeschichte als Sexualstraftäter und hatte mehrere Haftstrafen verbüßt. Er war Anfang März 1971 aus dem Gefängnis entlassen worden. Nur wenige Wochen später begann die Mordserie.
Zwischen dem 31. März und dem 10. Mai 1971 verschwanden acht junge Frauen. Okubo sprach seine späteren Opfer häufig im öffentlichen Raum an und nutzte dabei sein Auto. Er gab sich unter anderem als Künstler oder Lehrer aus und stellte den Frauen eine Tätigkeit als Modell in Aussicht. So gelang es ihm, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie dazu zu bringen, in sein Auto einzusteigen.
Später stellten die Ermittler fest, dass Ōkubo die Frauen an abgelegene Orte gebracht hatte. Dort kam es zu sexueller Gewalt, anschließend wurden die Frauen getötet. Die Leichen wurden an verschiedenen Orten in der Region versteckt oder vergraben. Der entscheidende Durchbruch kam nach dem Verschwinden der 21-jährigen Reiko Takemura. Die Suche nach ihr führte die Ermittler zu einem auffälligen Fahrzeug und schließlich zu dessen Besitzer. Am 14. Mai 1971 wurde Kiyoshi Ōkubo festgenommen. Die Ermittlungen brachten nach und nach das Ausmaß seiner Taten ans Licht. Okubo führte die Polizei zu den Fundorten der Opfer und gestand schließlich acht Morde. Das Verfahren vor dem Maebashi District Court endete am 22. Februar 1973 mit einem Todesurteil.
Okubo legte keine Berufung ein. Fast drei Jahre später, am 22. Januar 1976, wurde er im Tokyo Detention House hingerichtet. Er war 41 Jahre alt. Doch die Mordserie war nur der sichtbarste Teil einer kriminellen Entwicklung, die viele Jahre zuvor begonnen hatte. Um zu verstehen, wie Okubo zum Täter werden konnte, muss man in seine Kindheit und Jugend zurückgehen – in eine Zeit, in der erste Auffälligkeiten und sexuelle Grenzüberschreitungen dokumentiert wurden, lange bevor die späteren Morde begangen wurden.
Kiyoshi Ōkubo wurde am 17. Januar 1935 in der Präfektur Gunma geboren. Sein Geburtsort war das damalige Yawata-mura im Landkreis Usui, ein ländlich geprägtes Gebiet, das heute zur Stadt Takasaki gehört. Er wuchs in einer größeren Familie auf. Sein Vater arbeitete bei der japanischen Eisenbahn, während seine Mutter sich um die Familie kümmerte.
Über Ōkubos Kindheit existieren zahlreiche spätere Darstellungen. Manche beschreiben ihn als Jungen, der innerhalb der Familie stark umsorgt wurde und bereits früh ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit entwickelte. Andere Berichte konzentrieren sich auf familiäre Spannungen und Auffälligkeiten, die sich später in seinem Verhalten gegenüber Frauen gezeigt haben sollen. Allerdings lassen sich nicht alle diese Angaben unabhängig voneinander bestätigen.
Bereits während seiner Schulzeit fiel Okubo durch problematisches Verhalten auf. Besonders sein Umgang mit Mädchen und Frauen wurde später als auffällig beschrieben. Eine Episode aus seiner frühen Jugend, die in den Fallunterlagen und späteren Darstellungen überliefert ist, betrifft das Jahr 1946, als Ōkubo elf Jahre alt war. Er soll sich gegenüber einem vierjährigen Mädchen sexuell übergriffig verhalten haben.
Diese frühe Episode ist wichtig, da sie zeigt, dass seine späteren Sexualstraftaten nicht plötzlich mit Beginn seines Erwachsenenlebens einsetzten. Gleichzeitig wäre es jedoch falsch, aus diesem einen Ereignis rückblickend eine geradlinige Entwicklung zum späteren Serienmörder abzuleiten. Zwischen seiner Kindheit und der späteren Mordserie lagen Jahrzehnte, in denen sich sein Leben immer wieder veränderte.
Mit zunehmendem Alter wurden seine Probleme immer deutlicher. Okubo entwickelte ein auffälliges Interesse an Frauen und Sexualität und geriet schließlich mit dem Gesetz in Konflikt. Mitte der 1950er Jahre beging er seine ersten gerichtlich verfolgten Sexualstraftaten.
Damit begann eine lange Reihe von Straftaten, die ihn immer wieder mit Polizei und Justiz in Berührung bringen sollten. Von den späteren Morden war noch nichts zu erkennen. Doch die Grenze zwischen sexueller Fantasie, Übergriff und tatsächlicher Gewalt hatte er bereits überschritten.
Sein weiteres Leben sollte zunehmend von diesen Konflikten geprägt sein. Mehrfach wurde er verurteilt und verbüßte Haftstrafen. Und obwohl ihm die Justiz wiederholt die Gelegenheit gab, in die Gesellschaft zurückzukehren, änderte sich sein Verhalten nicht nachhaltig.
Die erste dieser dokumentierten Sexualstraftaten führte schließlich im Jahr 1955 zu seiner Verurteilung – und damit zu einem weiteren entscheidenden Abschnitt in der Vorgeschichte des späteren Serienmörders.
Die ersten Sexualstraftaten und Haftstrafen
Kiyoshi Ōkubo war im Jahr 1955 20 Jahre alt, als seine kriminelle Entwicklung erstmals eindeutig aktenkundig wurde. Am 12. Juli desselben Jahres vergewaltigte er in Maebashi eine 17-jährige Schülerin. Diese Tat führte zu seiner ersten bekannten Verurteilung wegen eines Sexualdelikts. Doch die Strafe bedeutete für Ōkubo keinen dauerhaften Bruch mit seinem bisherigen Verhalten. Noch im selben Jahr geriet er erneut wegen eines Sexualdelikts mit dem Gesetz in Konflikt. Am 26. Dezember 1955 versuchte er, eine weitere Frau zu vergewaltigen. Der Versuch scheiterte. Die Justiz reagierte zunächst mit einer vergleichsweise milden Behandlung. Die zunächst ausgesetzte Strafe wurde nach seinem erneuten Fehlverhalten jedoch widerrufen und Ōkubo musste eine längere Freiheitsstrafe verbüßen.
Auch nach seiner Entlassung schaffte er keinen dauerhaften Neuanfang. So wurde am 16. April 1960 erneut ein Vergewaltigungsversuch gegen eine Frau aktenkundig. Wieder blieb die Tat beim Versuch. Damit hatte sich ein Muster herausgebildet. Okubo suchte die Nähe zu Frauen, überschritt ihre Grenzen und setzte sexuelle Gewalt ein. Die Justiz hatte bereits mehrfach eingegriffen, doch die bisherigen Haftstrafen konnten ihn nicht davon abhalten, erneut straffällig zu werden.
In den folgenden Jahren versuchte Okubo zeitweise, ein gewöhnliches Leben zu führen. Er heiratete und bekam Kinder. Doch auch diese familiäre Phase führte nicht zu einer dauerhaften Veränderung. Ende 1966 und Anfang 1967 kam es erneut zu Sexualdelikten. Am 23. Dezember 1966 und am 24. Februar 1967 wurden weitere Taten gegen Frauen dokumentiert. Okubo wurde erneut verurteilt und musste wieder ins Gefängnis.
Diese Haftstrafe sollte für seine spätere Geschichte von besonderer Bedeutung sein. Denn während seiner Zeit im Gefängnis war die Gefahr nicht gebannt, sondern lediglich aus der Öffentlichkeit verschwunden. Anfang März 1971 kam Okubo schließlich wieder frei. Zu diesem Zeitpunkt war er 36 Jahre alt und hatte bereits mehrfach gezeigt, dass frühere Strafen sein Verhalten nicht dauerhaft verändert hatten. Nur wenige Wochen nach seiner Entlassung verschwand in Gunma eine junge Frau.
Damit begann am 31. März 1971 eine Mordserie, die innerhalb von nur sechs Wochen acht Menschenleben fordern sollte.
Der Beginn der Mordserie
Nach seiner Haftentlassung Anfang März 1971 dauerte es nur wenige Wochen, bis Kiyoshi Ōkubo erneut mit jungen Frauen in Kontakt kam. Diesmal sollten seine Taten eine völlig neue Dimension erreichen.
Am 31. März 1971 verschwand die 17-jährige Miyako Tsuda. Sie wurde das erste Opfer einer Mordserie, die Gunma in den folgenden Wochen erschüttern sollte.
Okubo verfügte über ein Fahrzeug und war damit in der Region unterwegs. Er sprach junge Frauen an und suchte gezielt nach Möglichkeiten, ihr Vertrauen zu gewinnen. Dabei konnte er sich überzeugend als jemand darstellen, der ihnen eine interessante Gelegenheit bieten wollte. Ein wiederkehrendes Täuschungsmittel war das Versprechen, als Modell für einen Maler arbeiten zu können. Okubo gab sich dabei teilweise als Künstler oder Lehrer aus. Für junge Frauen konnte dieses Angebot zunächst harmlos wirken. Es gab ihnen einen plausiblen Grund, sich mit ihm zu unterhalten und schließlich in sein Fahrzeug einzusteigen. Was danach geschah, spielte sich abseits des öffentlichen Lebens ab. Okubo brachte die Frauen an abgelegene Orte. Dort kam es zu sexueller Gewalt und anschließend zu den Tötungen. Die Leichen versteckte oder vergrub er, sodass die Opfer zunächst spurlos verschwanden.
Bereits wenige Tage nach dem ersten Mord folgte der nächste. Am 6. April 1971 wurde die 17-jährige Mieko Oikawa getötet.
Nur wenige Tage später verschwand erneut eine junge Frau. Am 17. April wurde die 19-jährige Chieko Ida Opfer Ōkubos. Bereits am folgenden Tag traf es die 17-jährige Seiko Kawabata.
Innerhalb weniger Wochen verdichtete sich damit ein erschreckendes Muster: Junge Frauen verschwanden, nachdem sie Kontakt zu einem Mann gehabt hatten, der ihnen scheinbar harmlose Angebote gemacht hatte.
Am 27. April wurde die 16-jährige Akemi Satō getötet. Am 3. Mai folgte die 18-jährige Kazuyo Kawahara.
Die Abstände zwischen den Taten wurden immer kürzer. Während die Polizei weiterhin versuchte, die einzelnen Vermisstenfälle miteinander in Verbindung zu bringen, bewegte sich Ōkubo weiter durch Gunma.
Am 9. Mai verschwand die 21-jährige Reiko Takemura. Ihr Verschwinden sollte schließlich den entscheidenden Wendepunkt der gesamten Mordserie markieren.
Denn dieses Mal gab es jemanden, der nicht bereit war, einfach abzuwarten. Takemuras Familie begann, selbst nach ihr zu suchen. Dabei stießen die Angehörigen auf eine Spur, die schließlich zu einem Fahrzeug und damit zu einem Mann führen sollte. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch noch nicht bekannt, dass dieser Mann bereits mit sieben weiteren jungen Frauen in Verbindung stand.
Am 10. Mai 1971, nur einen Tag nach Takemuras Verschwinden, wurde die 21-jährige Naoko Takanohashi das achte und letzte Opfer der Mordserie. Vier Tage später sollte Kiyoshi Ōkubo erstmals endgültig mit den Vermisstenfällen in Verbindung gebracht werden. Die Polizei war ihm auf der Spur.
Die Spur führt zu Kiyoshi Ōkubo
Als Reiko Takemura am 9. Mai 1971 verschwand, begann ihre Familie sofort, nach ihr zu suchen. Die 21-Jährige war bereits das siebte Opfer innerhalb weniger Wochen, doch das gesamte Ausmaß der Mordserie war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Bei der Suche stießen die Angehörigen auf Takemuras Fahrrad. Es war zurückgeblieben und wurde zu einem wichtigen Hinweis. Kurz darauf fiel ein Mann auf, der mit einem auffälligen Fahrzeug in der Nähe des Fahrrads erschien. Als er angesprochen wurde, entfernte er sich. Das Fahrzeug rückte damit in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Es handelte sich um einen Mazda Rotary Coupé. Über die Fahrzeugdaten gelang es den Ermittlern, den Besitzer ausfindig zu machen. Kiyoshi Ōkubo.
Dieser Hinweis war für die Polizei von besonderer Bedeutung. Okubo war kein Unbekannter. Er hatte bereits mehrere Sexualstraftaten begangen und war erst wenige Wochen zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden. Nun musste geklärt werden, ob es sich lediglich um einen Zufall handelte oder ob Okubo tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der jungen Frau zu tun hatte. Die Ermittler begannen, seine Bewegungen und Kontakte zu überprüfen. Dabei stießen sie auf weitere Verbindungen zu jungen Frauen, die in den vergangenen Wochen verschwunden waren. Das Bild wurde zunehmend eindeutiger.
Okubo hatte Frauen angesprochen und ihnen unter anderem eine Tätigkeit als Modell angeboten. Mehrere von ihnen waren anschließend in seinem Fahrzeug gesehen worden oder waren verschwunden. Die zeitliche Nähe der Fälle und die Verbindung zu demselben Mann ließen keinen Zufall mehr zu. Am 14. Mai 1971 wurde Kiyoshi Ōkubo schließlich von der Polizei der Präfektur Gunma festgenommen. Mit seiner Festnahme endete die Mordserie. Doch für die Ermittler begann damit erst die eigentliche Arbeit.
Okubo musste nun erklären, was mit den verschwundenen Frauen geschehen war. Während die Vernehmungen begannen, führte eine Spur nach der anderen weg von den Vermisstenfällen und hin zu Orten, an denen die Polizei die Opfer schließlich finden sollte.
Die Ermittlungen und die gefundenen Opfer
Nach der Festnahme Kiyoshi Ōkubos am 14. Mai 1971 konzentrierten sich die Ermittler auf seine Verbindung zu den verschwundenen Frauen. Im Verlauf der Vernehmungen machte Ōkubo Angaben zu seinen Taten und führte die Ermittler schließlich zu verschiedenen Orten in der Präfektur Gunma, wo sie die sterblichen Überreste der Frauen fanden. Dort fanden sie die sterblichen Überreste jener Frauen, deren Verschwinden die Ermittler zuvor beschäftigt hatte. Die Fundorte lagen überwiegend abseits dicht besiedelter Gebiete. Okubo hatte die Leichen an unterschiedlichen Stellen versteckt oder vergraben. Dadurch waren die Opfer zunächst nicht gefunden worden und die einzelnen Fälle schienen voneinander unabhängig zu sein. Mit jedem neuen Fund wurde jedoch deutlicher, dass die Ermittler es nicht mit einem einzelnen Mordfall zu tun hatten.
Die Untersuchungen ergaben, dass Okubo für den Tod von acht jungen Frauen verantwortlich war. Die Opfer waren zwischen 16 und 21 Jahre alt. Zwischen dem ersten Mord am 31. März und dem letzten bekannten Mord am 10. Mai lagen lediglich 40 Tage. Besonders auffällig war die Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse entwickelt hatten. Okubo war Anfang März aus der Haft entlassen worden. Weniger als einen Monat später begann die Mordserie. Innerhalb von nur sechs Wochen waren acht junge Frauen tot.
Zunehmend konnten die Ermittler auch die Vorgehensweise des Täters rekonstruieren. Okubo hatte seine Opfer nicht zufällig ausgewählt. Er suchte gezielt nach jungen Frauen, sprach sie an und gewann ihr Vertrauen. Dabei spielte sein Fahrzeug eine wichtige Rolle.
Das Versprechen, als Modell für einen Maler arbeiten zu können, bot ihm einen Vorwand, die Frauen näher kennenzulernen. Sobald sie in seinem Wagen saßen, befanden sie sich jedoch in einer Situation, in der Okubo die Kontrolle übernehmen konnte.
Die Ermittlungen brachten außerdem seine lange Vorgeschichte ans Licht. Bereits seit den 1950er Jahren war er wegen Sexualdelikten mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die Mordserie stand somit nicht isoliert in seinem Leben, sondern entwickelte sich aus einer über Jahre dokumentierten Geschichte sexueller Gewalt.
Für die Polizei stellte sich nun die entscheidende Frage: Warum hatte Okubo getötet? Die Antwort darauf sollte später nicht nur im Mittelpunkt des Gerichtsverfahrens stehen. Auch die psychiatrischen Gutachter beschäftigten sich ausführlich mit seiner Persönlichkeit und der Frage, wie es zu einer derart schnellen Eskalation seiner Gewalt kommen konnte.