SERIENKILLER

Tatzeitraum & Opfer

Aktiv von 1978
Bis 1983
Bestätigte Opfer 8
Aktionsradius Überwiegend Nord-London; zentrale Tatorte waren 195 Melrose Avenue in Cricklewood und 23 Cranley Gardens in Muswell Hill
Opfergruppen Junge Männer

Modus Operandi & Motive

Modus Operandi Kontaktaufnahme überwiegend in der Londoner Ausgehwelt, Mitnahme in die Wohnung, anschließende Strangulation beziehungsweise in einzelnen Fällen Ertränken; danach Verbergen und teilweise Zerlegung sowie Beseitigung der Überreste
Hauptmotive Nicht eindeutig geklärt. Nilsen selbst beschrieb unterschiedliche persönliche Motive und Bedürfnisse. Eine eindeutige, wissenschaftlich belegte Erklärung für sämtliche Taten existiert nicht

Rechtliches

Festnahmejahr 1983
Urteil lebenslange Freiheitsstrafe
Haftform Gefängnis
Bild 1
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Dennis Andrew Nilsen
Dennis Andrew Nilsen zählt zu den bekanntesten Serienmördern Großbritanniens. Zwischen 1978 und 1983 tötete er mehrere junge Männer in London. Die späteren Ermittlungen führten zu acht namentlich identifizierten Opfern, während Nilsen selbst zunächst von insgesamt 15 oder 16 getöteten Männern sprach. Wie viele Menschen tatsächlich durch ihn starben, konnte jedoch nie abschließend geklärt werden.

Er lernte seine Opfer häufig in der Londoner Ausgeh- und Kneipenszene kennen. Mehrere Männer begleitete er anschließend in seine Wohnung. Dort kam es zu den tödlichen Angriffen, bei denen Strangulation eine zentrale Rolle spielte. Die Leichen versteckte Nilsen zunächst in seiner Wohnung und beseitigte sie später, indem er sie zerteilte und verbrannte.

Die Mordserie endete im Februar 1983, nicht durch eine Vermisstenanzeige oder einen klassischen Mordverdacht, sondern durch eine verstopfte Abwasserleitung in Nilsens Wohnhaus in Cranley Gardens. Bei der Untersuchung wurden menschliche Überreste entdeckt. Kurz darauf nahm die Polizei Nilsen fest.

Er wurde im November 1983 wegen sechs Morden und zweier versuchter Morde schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb am 12. Mai 2018 im Alter von 72 Jahren im Gefängnis beziehungsweise im Krankenhaus in York.

Der Fall Nilsen ist bis heute besonders außergewöhnlich: Nach seiner Festnahme sahen sich die Ermittler einer großen Menge menschlicher Überreste gegenüber, konnten aber nicht alle von Nilsen behaupteten Opfer identifizieren. Dadurch bleibt neben den gerichtlich bewiesenen Taten eine entscheidende Frage offen: Wie viele Menschen hat Dennis Nilsen tatsächlich getötet?

Kindheit und Jugend
Dennis Andrew Nilsen wurde am 23. November 1945 in Fraserburgh, Aberdeenshire, Schottland, geboren. Er war das mittlere von drei Kindern von Olav Nilsen und Elizabeth „Betty“ Nilsen. Sein Vater war ein norwegischer Soldat, der während des Zweiten Weltkriegs in Schottland stationiert gewesen war. Die Ehe seiner Eltern zerbrach, als Nilsen noch ein Kind war. Nach der Trennung lebte er zeitweise bei seinen Großeltern mütterlicherseits. Besonders eng war seine Beziehung zu seinem Großvater Andrew Whyte.

Nilsen selbst beschrieb den Tod seines Großvaters im Jahr 1951 später als ein einschneidendes Erlebnis. Er war zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt. Nilsen berichtete, dass er seinen Großvater nach dessen Tod im Leichenschauhaus noch einmal sehen durfte. Spätere Darstellungen des Falls schrieben diesem Erlebnis eine zentrale Bedeutung für seine spätere Entwicklung zu. Eine wissenschaftlich oder juristisch belegte direkte Verbindung zwischen dem Tod des Großvaters und Nilsens späteren Tötungsdelikten existiert jedoch nicht.

Nilsen besuchte zunächst die Buchanan Street School und später die Academy in Fraserburgh. Schon in seiner Jugend galt er als eher zurückhaltend und sozial isoliert. Er entwickelte ein Interesse für militärische Themen und entschied sich schließlich für eine Laufbahn bei den britischen Streitkräften.

Mit etwa 16 Jahren verließ Nilsen die Schule und trat der British Army bei. Dort begann er eine militärische Laufbahn, die ihn in den folgenden Jahren unter anderem nach Deutschland, Zypern und in den damaligen Südjemen führte. Er wurde dem Army Catering Corps zugeteilt und absolvierte eine Ausbildung zum Koch. Während seiner rund elfjährigen Militärzeit war er an mehreren Standorten eingesetzt. Zu seinen Stationierungen gehörten unter anderem Westdeutschland, Zypern, der Südjemen und die Shetlandinseln. Seine militärische Laufbahn führte ihn damit bereits in jungen Jahren aus seiner schottischen Heimat heraus. Nilsen verließ die Armee im Jahr 1972 im Rang eines Corporals. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militär kehrte er nach London zurück und arbeitete zunächst in verschiedenen Berufen. 1973 trat er der Metropolitan Police bei. Seine Tätigkeit als Polizeibeamter dauerte allerdings nur wenige Monate. Noch im selben Jahr verließ er den Polizeidienst wieder.

Anschließend wechselte Nilsen in den britischen öffentlichen Dienst. Er arbeitete als Civil Servant, unter anderem beim Department of Employment bzw. in einem Londoner Jobcenter. Damit zeigt sein beruflicher Werdegang eine ungewöhnliche Abfolge: Nilsen war zunächst Soldat, dann kurzzeitig Polizeibeamter und schließlich Verwaltungsangestellter im öffentlichen Dienst.

Privatleben und soziale Beziehungen
Nach seinem Ausscheiden aus der Armee lebte Nilsen vorwiegend in London. Sein Privatleben war geprägt von wechselnden sozialen und partnerschaftlichen Beziehungen. Er hatte Beziehungen zu Männern und bewegte sich in der Londoner homosexuellen Szene. Zeitweise lebte er auch mit Partnern zusammen.

Mitte der 1970er-Jahre lernte Nilsen David Gallichan kennen. Gallichan zog später in seine Wohnung in der Melrose Avenue in Cricklewood. Die beiden lebten etwa zwei Jahre zusammen, dann verließ Gallichan die Wohnung wieder. Nach der Trennung lebte Nilsen zunehmend allein. Er hielt sich häufig in Londoner Pubs auf und lernte dort Männer kennen. Einige dieser Kontakte führten später dazu, dass die Männer ihn nach Hause begleiteten.

Später beschrieb Nilsen sich selbst als einsam und sozial isoliert. Gleichzeitig suchte er nach eigenen Angaben immer wieder die Nähe anderer Menschen. Diese widersprüchliche Kombination aus dem Wunsch nach Gesellschaft und den Schwierigkeiten, dauerhafte Beziehungen aufzubauen, wurde in seinen eigenen Schilderungen zu einem wiederkehrenden Thema.

Aus den belegbaren Fakten lässt sich jedoch keine direkte Verbindung zwischen seinen privaten Beziehungen und den späteren Morden ableiten. Ebenso wenig lässt sich ein Zusammenhang zwischen seiner sexuellen Orientierung und seinen Taten herleiten. Zwar waren die Opfer ausschließlich Männer, doch handelte es sich nicht um nachweisbare Sexualdelikte im klassischen Sinne.

Beginn der Mordserie
Die Mordserie begann Ende 1978 in der Wohnung von Nilsen in der Melrose Avenue im Londoner Stadtteil Cricklewood. Das erste später identifizierte Opfer war der damals 14-jährige Stephen Dean Holmes. Dieser begegnete Nilsen am 30. Dezember 1978 und begleitete ihn später zu seiner Wohnung. Dort griff Nilsen den Jugendlichen an und strangulierte ihn. Anschließend versteckte er die Leiche zunächst in seiner Wohnung. Der Fall Holmes ist besonders bedeutsam, da er das erste eindeutig identifizierte Opfer der Mordserie darstellt. Nilsen behauptete später, Holmes sei nicht sein erstes Opfer gewesen. Diese Angaben konnten jedoch nicht mit derselben Sicherheit belegt werden.

In den folgenden Jahren entwickelte sich aus dem einzelnen Mord eine Serie, die zunächst in der Melrose Avenue und später in Nilsens Wohnung in den Cranley Gardens in Muswell Hill fortgesetzt wurde.

Spätere Ermittlungen ergaben, dass Nilsen seine Opfer häufig in der Umgebung von London kennenlernte und anschließend mit in seine Wohnung nahm. Die unterschiedlichen Tatabläufe und Nilsens spätere Aussagen machen jedoch deutlich, dass nicht jeder Mord exakt nach demselben Muster ablief. Mit dem Tod von Stephen Holmes begann somit eine Serie, deren tatsächliches Ausmaß erst nach Nilsens Festnahme im Februar 1983 bekannt wurde.

Die Opfer
Die Opfer von Dennis Nilsen waren ausschließlich Männer. Ihre Lebensumstände unterschieden sich jedoch deutlich. Während einige von ihnen jung waren und sich in schwierigen sozialen Verhältnissen befanden, führte beispielsweise Kenneth Ockenden ein vergleichsweise stabiles Leben und hielt sich als Tourist in London auf.

Stephen Dean Holmes
Alter: 14 Jahre
Tatjahr: 1978

Stephen Holmes war das erste Opfer, das namentlich identifiziert wurde. Nilsen hatte ihn Ende Dezember 1978 in seiner Wohnung in Cricklewood getötet.

Kenneth Ockenden
Alter: 23 Jahre
Tatjahr: 1979

Ockenden war ein kanadischer Tourist, der London besuchte. Er lernte Nilsen in einem Pub kennen und begleitete ihn anschließend nach Hause. Dort wurde er getötet.

Martyn Duffey
Alter: 16 Jahre
Tatjahr: 1980

Duffey stammte aus Liverpool und hielt sich in London auf. Nilsen lernte ihn im Dezember 1979 oder Anfang 1980 kennen. Anschließend wurde er in der Melrose Avenue getötet.

William „Billy“ Sutherland
Alter: 26 Jahre
Tatjahr: 1980

Sutherland arbeitete als Barkeeper und lebte in London. Er wurde im Jahr 1980 von Nilsen getötet.

Malcolm Barlow
Alter: 23 Jahre
Tatjahr: 1981

Barlow war ein junger Mann aus London. Laut späteren Angaben fand Nilsen ihn in der Nähe seiner Wohnung und nahm ihn mit nach Hause. Dort wurde Barlow getötet.

John Howlett
Alter: 23 Jahre
Tatjahr: 1982

Howlett gehörte zu den Opfern der späteren Phase der Mordserie. Er wurde in Nilsens Wohnung in Cranley Gardens ermordet.

Graham Allen
Alter: 27 Jahre
Tatjahr: 1982

Archibald Graham Allen, meist Graham Allen genannt, war 27 Jahre alt. Auch er wurde in Cranley Gardens getötet.

Stephen Sinclair
Alter: 20 Jahre
Tatjahr: 1983

Stephen Sinclair war das letzte namentlich identifizierte Opfer. Er starb kurz vor Nilsens Festnahme im Februar 1983.
Neben diesen acht identifizierten Männern sprach Nilsen nach seiner Festnahme von weiteren Tötungen. Die von ihm zunächst genannte Gesamtzahl lag bei 15 oder 16. Mehrere dieser angeblichen Opfer konnten jedoch nie identifiziert werden.

Tatmuster und Modus Operandi
Nilsens Vorgehensweise wies über die Jahre hinweg wiederkehrende Elemente auf, war aber nicht bei jedem Opfer identisch. Er lernte viele Männer in Pubs und anderen Treffpunkten in London kennen und lud sie anschließend in seine Wohnung ein. Dort konsumierten sie teilweise gemeinsam Alkohol. Die späteren Angriffe erfolgten häufig, nachdem das Opfer eingeschlafen oder durch den Alkoholkonsum beeinträchtigt war. Die zentrale Tötungsmethode war die Strangulation. In einigen Fällen setzte Nilsen zusätzlich das Ertränken ein, insbesondere, wenn das Opfer bereits bewusstlos war.

Nach dem Tod behielt Nilsen die Leichen teilweise über längere Zeit in seiner Wohnung. Zunächst versteckte er sie innerhalb der Räume, später zerlegte er sie in mehreren Fällen. Zur Beseitigung der Überreste nutzte er unterschiedliche Methoden, darunter das Verbrennen sowie die Entsorgung einzelner Körperteile über die Abwasseranlage. Damit war nicht nur die Tötung selbst, sondern auch der ungewöhnliche Umgang mit den Leichen nach dem Tod ein wesentliches Merkmal des Falls.

Ermittlungen und Entdeckung
Die Mordserie blieb über mehrere Jahre hinweg unentdeckt. Erst Anfang Februar 1983 führten ungewöhnliche Probleme mit der Abwasserleitung von Nilsens Wohnhaus in Cranley Gardens zur entscheidenden Entdeckung.

Die Bewohner des Hauses hatten wiederholt Probleme mit der Toilette und der Abwasserleitung. Als ein Mitarbeiter des beauftragten Unternehmens am 7. Februar 1983 die Leitung untersuchte, stieß er dabei auf menschliches Gewebe. Er informierte seinen Vorgesetzten, der daraufhin die Polizei verständigte. Die Beamten untersuchten die Abwasseranlage und stellten fest, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um menschliche Überreste handelte. Der Verdacht richtete sich auf die Wohnung von Nilsen im Erdgeschoss.

Am 9. Februar 1983 erschien die Polizei bei Nilsen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden weitere menschliche Überreste entdeckt. Er wurde daraufhin festgenommen und zur Polizeiwache gebracht. Während der Vernehmungen begann er, über die Tötungen zu sprechen. Seine Aussagen führten die Ermittler schließlich auch zu den Überresten früherer Opfer und zu seiner vorherigen Wohnung in der Melrose Avenue.

Die Ermittler standen nun vor einem außergewöhnlichen Problem: Es waren menschliche Überreste vorhanden, doch viele davon konnten zunächst keinem bestimmten Vermisstenfall zugeordnet werden. Die Untersuchung der beiden Wohnungen sowie die Auswertung von Nilsens Aussagen machten schließlich das tatsächliche Ausmaß der Ereignisse deutlich.

Damit war letztlich nicht eine klassische Vermisstenermittlung, sondern ein verstopfter Abfluss der Ausgangspunkt für die Aufdeckung der Mordserie.

Festnahme und Vernehmungen
Nachdem menschliche Überreste in der Abwasserleitung von 23 Cranley Gardens entdeckt worden waren, wurde Dennis Nilsen am 9. Februar 1983 festgenommen.

Während der polizeilichen Vernehmungen machte Nilsen umfangreiche Angaben zu den Tötungen. Zunächst sprach er von einer deutlich höheren Opferzahl als später identifiziert wurde. Mithilfe seiner Aussagen konnten die Ermittler die Vorgänge in seinen beiden Wohnungen zeitlich einordnen und nach weiteren Überresten suchen.

Nilsen beschrieb den Beamten auch, wie er mit den Leichen umgegangen war. Seine Angaben führten die Ermittler unter anderem zurück zu seiner früheren Wohnung in der Melrose Avenue, wo sie weitere Spuren und Überreste fanden.

Die Vernehmungen waren für die Ermittlungen von großer Bedeutung, da ein erheblicher Teil der später rekonstruierten Mordserie auf Nilsens eigenen Aussagen beruhte. Gleichzeitig konnten seine Aussagen nicht uneingeschränkt als Beweis für jede von ihm behauptete Tötung herangezogen werden. Einige der von ihm genannten Opfer konnten nie identifiziert werden und Nilsen veränderte bzw. relativierte seine Angaben zur Gesamtzahl später teilweise.

Neben seinen Geständnissen hatten die Ermittler weitere Beweismittel zur Verfügung. Von besonderer Bedeutung waren die menschlichen Überreste, die Spuren in den Wohnungen sowie die Aussagen von Männern, die Nilsen überlebt hatten. Dadurch konnte die Polizei zwischen Fällen unterscheiden, die sich durch forensische oder Zeugenaussagen erhärten ließen, und solchen, die ausschließlich auf Nilsens Angaben beruhten.

Diese Unterscheidung sollte sich später auch im Strafverfahren als entscheidend erweisen. Letztlich wurde Nilsen wegen sechs Morden und zweier versuchter Morde angeklagt und verurteilt – jedoch nicht wegen sämtlicher Tötungen, die er während der Vernehmungen behauptet hatte.

Prozess und Urteil
Der Prozess gegen Dennis Nilsen begann am 24. Oktober 1983 vor dem Central Criminal Court in London, auch Old Bailey genannt. Er stand wegen sechs Morden und zweier versuchter Morde vor Gericht. Die Anklage stützte sich dabei unter anderem auf seine Aussagen gegenüber der Polizei, forensische Beweise sowie die Aussagen von Männern, die seine Angriffe überlebt hatten.

Nilsen bestritt nicht, die Männer getötet zu haben, sondern machte im Verfahren im Wesentlichen eine eingeschränkte Verantwortlichkeit („diminished responsibility“) aufgrund einer psychischen Störung geltend. Damit sollte erreicht werden, dass die Taten nicht als Mord, sondern als Totschlag bewertet würden.

Die Verteidigung konnte die Jury jedoch nicht davon überzeugen, dass die Voraussetzungen für eine entsprechende Reduzierung der strafrechtlichen Verantwortung erfüllt waren.

Am 4. November 1983 wurde Nilsen in allen sechs Mordfällen sowie in beiden Fällen des versuchten Mordes für schuldig befunden. Das Gericht verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe. Der damalige Richter sprach zudem eine Empfehlung für eine Mindesthaftzeit von 25 Jahren aus. Damit war juristisch lediglich ein Teil der von Nilsen behaupteten Tötungen Gegenstand des Verfahrens. Die weiteren, nicht eindeutig zuordenbaren Todesfälle blieben ungeklärt. Nilsen verbrachte den Rest seines Lebens im britischen Strafvollzug. Er legte gegen seine Verurteilung Berufung ein, blieb jedoch in Haft.

Während dieser Zeit beschäftigte er sich intensiv mit seinem eigenen Fall und verfasste umfangreiche Texte über sein Leben und seine Verbrechen. Seine späteren Darstellungen sind jedoch als Selbstaussagen zu behandeln und nicht automatisch als gesicherte Tatsachen. Im Laufe der Jahre änderte beziehungsweise relativierte Nilsen teilweise frühere Angaben zu seinen Taten. Insbesondere die zunächst genannte Zahl von 15 oder 16 Opfern blieb dadurch zusätzlich problematisch. Den Ermittlern gelang es nicht, die tatsächliche Opferzahl abschließend zu klären.

Nilsen starb am 12. Mai 2018 im Alter von 72 Jahren. Er befand sich zum Zeitpunkt seines Todes weiterhin in Haft. Sein Tod trat in einem Krankenhaus in York ein. Als Todesursache wurden Komplikationen im Zusammenhang mit einem Bauchaortenaneurysma angegeben. Nach seinem Tod wurde Nilsen eingeäschert.

Damit endete ein Fall, dessen genaue Dimension bis heute nicht vollständig rekonstruiert werden konnte. Sechs Morde waren Gegenstand des Schuldspruchs, acht Opfer konnten namentlich identifiziert werden, während weitere von Nilsen behauptete Tötungen ungeklärt blieben.


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Psychologisches Profil
Bei Dennis Nilsen ist eine klare Trennung zwischen belegten psychiatrischen Befunden, seinen eigenen Aussagen und späteren kriminalpsychologischen Interpretationen erforderlich.

Während des Prozesses im Jahr 1983 wurde seine psychische Verfassung ausführlich untersucht. Die Verteidigung argumentierte mit „diminished responsibility“, also einer erheblich eingeschränkten strafrechtlichen Verantwortlichkeit infolge einer psychischen Störung. Die Jury folgte dieser Argumentation jedoch nicht und verurteilte ihn wegen Mordes.

Nilsen selbst beschrieb seine Taten später wiederholt aus seiner persönlichen Perspektive. Dabei stellte er unter anderem seine Einsamkeit, sein Bedürfnis nach Gesellschaft und seine Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Beziehungen heraus. Solche Aussagen sind für die Rekonstruktion seiner Gedankenwelt zwar relevant, stellen aber keine objektive psychologische Diagnose dar.

Auch die häufig anzutreffende Beschreibung Nilsens als „klassischer sexuell motivierter Serienmörder“ greift zu kurz. Zwar zeigen die gerichtlich festgestellten Taten ein ausschließlich männliches Opferspektrum, doch ein einheitliches sexuelles Motiv konnte nicht für alle Morde nachgewiesen werden. Ebenso lässt sich aus seiner Homosexualität keinerlei Erklärung für seine Taten ableiten. Seine sexuelle Orientierung und seine Morddelikte müssen voneinander getrennt betrachtet werden.

Aus den belegten Ereignissen lassen sich jedoch einige wiederkehrende Verhaltensmuster erkennen. Dazu gehören ein starkes Bedürfnis nach Gesellschaft und Nähe, erhebliche Schwierigkeiten bei dauerhaften sozialen Beziehungen, wiederholte Kontaktaufnahme mit Männern in der Londoner Ausgehwelt, die Nutzung der eigenen Wohnung als kontrollierter Tatort, das Verbergen der Leichen über längere Zeiträume, eine teilweise ungewöhnlich ausgeprägte Beschäftigung mit den Leichnamen nach dem Tod sowie die wiederholte Manipulation bzw. Veränderung der eigenen späteren Angaben. Diese Merkmale erlauben eine Beschreibung des Verhaltens, aber keine nachträgliche Diagnose einer bestimmten Persönlichkeitsstörung.

Nilsen zeigte ein ausgeprägtes Bedürfnis, die Situation und seine Opfer zu kontrollieren. Die Wohnung bot ihm dabei einen abgeschlossenen und kontrollierbaren Raum. Auffällig ist außerdem, dass die Tötungen nicht unmittelbar mit einer Flucht verbunden waren. Stattdessen behielt er die Leichen teilweise in seiner unmittelbaren Umgebung und beschäftigte sich anschließend mit deren Aufbewahrung und Beseitigung. Dieses Verhalten unterscheidet den Fall deutlich von Tätern, die ihre Opfer möglichst schnell verschwinden lassen wollten. Eine eindeutige Erklärung für dieses Verhalten existiert nicht. Aussagen über konkrete psychologische Motive müssen deshalb als Interpretation und nicht als gesicherte Tatsache gekennzeichnet werden.

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Opferprofil und Viktimologie
Das Opferprofil von Dennis Nilsen weist einige klare Gemeinsamkeiten auf, gleichzeitig gibt es aber auch wichtige Ausnahmen. Alle acht namentlich identifizierten Opfer waren männlich. Sie waren zwischen 14 und 27 Jahre alt. Mehrere der Opfer waren jung und befanden sich zum Zeitpunkt ihres Todes in schwierigen sozialen oder persönlichen Lebenssituationen.

Nilsen lernte viele der Männer in Pubs, Bars oder an anderen Treffpunkten in London kennen. Teilweise nahm er sie anschließend mit in seine Wohnung. Damit befand sich die Auswahl der Opfer häufig in einem Umfeld, in dem Nilsen relativ unkompliziert fremde Männer kennenlernen konnte. Ein einheitliches soziales Profil lässt sich jedoch nicht feststellen.

Ein besonders deutliches Beispiel ist Kenneth Ockenden, ein kanadischer Tourist, der sich hinsichtlich seiner Lebenssituation von mehreren anderen Opfern unterschied. Er zeigt, dass Nilsens Opferauswahl nicht ausschließlich obdachlose oder sozial marginalisierte Männer betraf.

Auch das Alter variierte erheblich: Das jüngste identifizierte Opfer war der 14-jährige Stephen Holmes, das älteste der 27-jährige Graham Allen.

Trotz dieser Unterschiede lassen sich einige wiederkehrende Faktoren feststellen. Es handelte sich ausschließlich um männliche Opfer, überwiegend junge Männer. Die Kontaktaufnahme erfolgte im Londoner sozialen bzw. nächtlichen Umfeld. Häufig gab es keine enge vorherige Beziehung zwischen Täter und Opfer. Die Wohnung Nilsens war der zentrale Ort der späteren Tat. Die Opfer wurden somit überwiegend außerhalb ihres bisherigen persönlichen Umfelds ausgewählt. Nilsen musste seine späteren Opfer nicht über längere Zeit beobachten oder verfolgen, sondern konnte relativ kurzfristig Kontakte zu ihnen herstellen.

Das Opferprofil spricht eher für eine situative und zugängliche Opferauswahl als für ein eng begrenztes, äußerlich eindeutig erkennbares Beuteschema. Die Männer wurden nicht ausschließlich aufgrund ihres sozialen Status ausgewählt. Vielmehr scheint entscheidend gewesen zu sein, dass Nilsen einen persönlichen Kontakt herstellen und das jeweilige Opfer dazu bewegen konnte, mit ihm in seine Wohnung zu gehen. Ein konkretes Motiv für die Auswahl einzelner Männer lässt sich jedoch nicht bei jedem Opfer zweifelsfrei bestimmen.

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Tatorte und Aktionsradius
Der räumliche Schwerpunkt der Mordserie lag in Nord-London. Während des Tatzeitraums nutzte Nilsen zwei Wohnungen als zentrale Tat- und Verbergungsorte.

195 Melrose Avenue, Cricklewood
Nilsen lebte zunächst in der 195 Melrose Avenue in Cricklewood. Dort begann Ende 1978 die nachweisbare Mordserie mit dem Tod von Stephen Holmes. Mehrere weitere identifizierte Opfer wurden ebenfalls in dieser Wohnung getötet. Darüber hinaus diente die Wohnung als Ort, an dem Nilsen Leichen beziehungsweise Leichenteile über längere Zeit aufbewahrte.

23 Cranley Gardens, Muswell Hill
Im Jahr 1981 zog Nilsen in die 23 Cranley Gardens in Muswell Hill. Auch dort setzte er seine Mordserie fort. Die späteren Opfer John Howlett, Graham Allen und Stephen Sinclair wurden mit dieser Wohnung in Verbindung gebracht. Schließlich wurde Cranley Gardens zum entscheidenden Ermittlungsort: Die Entdeckung menschlicher Überreste in der Abwasserleitung führte im Februar 1983 zur Aufdeckung der Verbrechen.

Damit konzentrierte sich Nilsens Tatort-Aktionsradius auf Nord-London, insbesondere auf die Bereiche Cricklewood und Muswell Hill. Die Opfer lernte er allerdings nicht ausschließlich in der unmittelbaren Umgebung seiner Wohnungen kennen. Er bewegte sich in verschiedenen Teilen Londons und nutzte Pubs und andere Treffpunkte, um Kontakte herzustellen. Ein weitreichendes, überregionales oder internationales Tatgebiet ist für die belegten Fälle nicht nachgewiesen.

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Motiv
Ein eindeutig belegtes Motiv für die Tötungen von Dennis Nilsen konnte nie festgestellt werden. Nilsen selbst machte im Laufe der Zeit unterschiedliche Angaben zu seinen Beweggründen. Wiederkehrend beschrieb er jedoch ein starkes Bedürfnis nach Gesellschaft, Nähe und Kontrolle. Er wollte die Männer nach eigener Darstellung nicht einfach töten, sondern ihre Anwesenheit behalten und eine Form von Gesellschaft aufrechterhalten.

Besonders auffällig ist sein Verhalten nach den Tötungen: Nilsen bewahrte die Leichen teilweise über längere Zeit in seinen Wohnungen auf, anstatt sie unmittelbar zu beseitigen. Eine sexuelle Motivation lässt sich nicht als allgemeines Tatmotiv für die gesamte Mordserie belegen. Zwar waren alle identifizierten Opfer Männer und Nilsen war homosexuell, doch lassen sich seine Taten nicht allein oder eindeutig durch sexuelle Motive erklären. Auch die häufig verwendete Erklärung, Nilsen habe aus Angst vor Einsamkeit getötet, ist eine psychologische Interpretation und keine abschließend bewiesene Tatsache.

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Die Aufdeckung der Mordserie
Die Aufdeckung der Verbrechen begann nicht mit einer Vermisstenanzeige, sondern mit einem Abwasserproblem in Nilsens Wohnhaus in Cranley Gardens. Anfang Februar 1983 stellten die Bewohner fest, dass die Abwasserleitung beziehungsweise die Toilette wiederholt verstopft war. Ein Mitarbeiter der beauftragten Firma untersuchte die Leitung und entdeckte menschliches Gewebe darin. Daraufhin wurde die Polizei eingeschaltet.

Am 9. Februar 1983 suchten Polizeibeamte Nilsen in seiner Wohnung auf. Bei der anschließenden Untersuchung wurden weitere menschliche Überreste gefunden. Nilsen wurde festgenommen und zur Polizeiwache gebracht. Während der Vernehmungen machte er umfangreiche Angaben zu den Tötungen. Dadurch erhielten die Ermittler Hinweise auf weitere Überreste und auf die frühere Wohnung in der Melrose Avenue.

Die Untersuchung der beiden Wohnungen offenbarte schließlich das ganze Ausmaß der Verbrechen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass nicht alle von Nilsen genannten Opfer identifiziert werden konnten. Der Fall weist somit eine ungewöhnliche Besonderheit auf: Ein alltägliches technisches Problem führte letztlich zur Aufdeckung einer jahrelang unentdeckten Mordserie.

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Forensische Beweise und Rekonstruktion
Die Ermittlungen gegen Dennis Nilsen stützten sich nicht allein auf seine Geständnisse. Eine wesentliche Rolle spielten die menschlichen Überreste, die Spuren in seinen Wohnungen sowie die Aussagen von Überlebenden.

Die forensische Untersuchung der in Cranley Gardens gefundenen Überreste bestätigte, dass es sich um menschliches Gewebe und Knochen handelte. Die Ermittler konnten jedoch nicht in jedem Fall die Identität der Verstorbenen bestimmen. Gerade deshalb blieb die von Nilsen genannte Gesamtzahl der Opfer ungeklärt. Auch in seiner früheren Wohnung in der Melrose Avenue fanden die Ermittler Spuren, die mit seinen Aussagen über frühere Tötungen übereinstimmten.

Eine weitere wichtige Beweisquelle waren Männer, die Nilsens Angriffe überlebt hatten. Ihre Aussagen ermöglichten es der Staatsanwaltschaft, konkrete Tatabläufe unabhängig von Nilsens eigenen Angaben darzustellen.

Die forensischen Untersuchungen waren außerdem entscheidend dafür, einzelne Todesfälle von den zahlreichen weiteren Tötungen zu unterscheiden, die Nilsen lediglich behauptete. So entstand ein differenziertes Beweismuster. Es umfasste materielle Spuren und menschliche Überreste, forensische Untersuchungen, Nilsens eigene Aussagen, Aussagen überlebender Opfer und Vermisstenfälle sowie Identifizierungsversuche.

Nicht jede von Nilsen geschilderte Tötung konnte auf diese Weise bestätigt werden. Genau diese Beweislücke ist der Grund dafür, dass bis heute zwischen den sechs gerichtlich abgeurteilten Morden, den acht identifizierten Opfern und der von Nilsen behaupteten höheren Opferzahl unterschieden werden muss.

Zwar bilden Nilsens Geständnisse eine zentrale Quelle, sie sind aber nicht mit einem gerichtlichen Nachweis sämtlicher von ihm behaupteter Tötungen gleichzusetzen.

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Überlebende und versuchte Morde
Nicht alle Männer, die Nilsen in seine Wohnung mitnahm und angriff, starben. Mehrere Überlebende wurden später zu wichtigen Zeugen im Strafverfahren. Zu den bekannten Überlebenden gehörten Douglas Stewart, Paul Nobbs, Andrew Ho und Carl Stotter. Ihre Aussagen ermöglichten den Ermittlern und dem Gericht, konkrete Angriffe zu rekonstruieren, ohne ausschließlich auf Nilsens eigene Schilderungen angewiesen zu sein.

Douglas Stewart

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Öffentliche Wahrnehmung und Nachwirkung
Der Fall Dennis Nilsen löste nach seiner Festnahme und dem Prozess großes öffentliches Interesse in Großbritannien aus. Besonders außergewöhnlich war, dass die Verbrechen über mehrere Jahre hinweg weitgehend unentdeckt geblieben waren und erst durch die Entdeckung menschlicher Überreste in einer Abwasserleitung ans Licht kamen.

In der Berichterstattung stand vor allem die ungewöhnliche Natur des Falls und Nilsens Verhalten gegenüber den Leichen im Mittelpunkt. Dadurch entstand früh ein stark sensationalisiertes Bild des Täters. Auch die Frage nach der tatsächlichen Opferzahl blieb ein zentraler Bestandteil der öffentlichen Diskussion. Nilsen hatte zunächst deutlich mehr Tötungen angegeben, als später nachgewiesen werden konnten. Dadurch gibt es bis heute unterschiedliche Opferzahlen in Medien, Büchern und Dokumentationen.

Auch nach seiner Verurteilung blieb Nilsen Gegenstand öffentlicher und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Seine eigenen Schriften und Aussagen wurden wiederholt ausgewertet. Dabei dürfen seine Selbstdarstellungen nicht ungeprüft als Tatsachen übernommen werden. Der Fall wurde später in zahlreichen Dokumentationen, Büchern, Podcasts und fiktionalen Produktionen aufgearbeitet. Dadurch avancierte Nilsen zu einer der bekanntesten Figuren der britischen True-Crime-Geschichte.

Seine Verbrechen hinterließen eine besondere historische Spur: Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie viele Menschen tatsächlich durch ihn starben. Sicher identifiziert werden konnten acht Opfer, während Nilsen selbst weitere Tötungen behauptete. Damit besteht die Nachwirkung des Falls nicht nur in der Bekanntheit des Täters, sondern auch in einer bis heute offenen kriminalhistorischen Frage: Wer waren die nicht identifizierten Opfer – und wie viele gab es tatsächlich?

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Quellen
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
European Court of Human Rights: Dennis Andrew Nilsen v. the United Kingdom, Application no. 36882/05, Decision, 2010

Prisons and Probation Ombudsman – Tod Nilsens
Prisons and Probation Ombudsman: Independent investigation into the death of Mr Dennis Nilsen, HMP Full Sutton, 12 May 2018

Zeitgenössische Prozessberichterstattung – The Guardian
Zeitgenössische Berichte des Journalisten Nick Davies aus dem Jahr 1983.

Zeitgenössischer Guardian-Bericht zum Prozessbeginn
Nick Davies, 25. Oktober 1983⁠

ITV News
Die ITV-Dokumentation bietet eine gute Zusammenstellung der bekannten Opfer und der Entdeckung des Falls.

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