Unserer Website verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Nutzererlebnis zu verbessern.
Weitere Informationen finden Sie in unserem
Disclaimer.
Herbert William Mullin
Geboren: 18.04.1947 in Salons, Kalifornien, USA
Gestorben: 18.08.2022 Nationalität: US amerikanisch Land: USA
Bisher 11 x gelesen
Tatzeitraum & Opfer
Aktiv von1972
Bis1973
Bestätigte Opfer13
AktionsradiusFelton, Santa Cruz, Ben Lomond, Los Gatos, Henry Cowell Redwoods State Park
OpfergruppenMänner, Frauen, Jugendliche
Modus Operandi & Motive
Modus OperandiMullin wählte seine Opfer überwiegend situativ aus und tötete sie mit unterschiedlichen Waffen, darunter Baseballschläger, Messer, Schusswaffen und Gewehre, wobei sein Vorgehen durch sein psychotisches Wahnsystem bestimmt war.
HauptmotiveHerbert Mullin tötete nach eigener Überzeugung, um durch Menschenopfer ein verheerendes Erdbeben in Kalifornien zu verhindern
Rechtliches
Festnahmejahr1973
Urteillebenslange Freiheitsstrafe
HaftformGefängnis
Public Domain: Dieses Bild ist ein gemeinfreies Dokument einer kalifornischen Behörde und unterliegt in den USA keinem Urheberrecht.
×
Bei den aufgeführten Links handelt es sich um Affiliate-Links.
Wenn Sie über einen solchen Link etwas kaufen oder ein Abo abschließen,
erhalten wir ggf. eine kleine Provision und unterstützen uns beim Erstellen und Erhalt dieser Website.
Für Sie entstehen dadurch keine Mehrkosten. Vielen Dank... ❤️
Herbert William Mullin
Als Herbert William Mullin am 18. April 1947 im kalifornischen Salinas zur Welt kam, deutete nichts darauf hin, dass sein Name eines Tages zu den bekanntesten der amerikanischen Kriminalgeschichte gehören würde. Er wuchs als einziges Kind von William und Florence Mullin in einer bürgerlichen Familie auf. Sein Vater galt als streng und leistungsorientiert. In den Gerichtsunterlagen und den späteren psychiatrischen Gutachten finden sich jedoch keine Hinweise auf körperliche Misshandlungen oder ein von Gewalt geprägtes Elternhaus.
Kurz vor seinem fünften Geburtstag zog die Familie nach San Francisco. Erst Jahre später führte der berufliche Weg des Vaters die Familie in die Santa-Cruz-Berge. Dort ließen sie sich schließlich in Felton, einer kleinen Gemeinde im San Lorenzo Valley, nieder. Die ländliche Umgebung mit ihren dichten Redwood-Wäldern prägte Herbert Mullins' Jugend nachhaltig. Niemand konnte damals ahnen, dass genau diese Gegend später zum Schauplatz seiner Mordserie werden würde.
Herbert Mullin fiel in der Schule zunächst nicht auf. Seine Lehrer beschrieben ihn als intelligent, höflich und sportlich. Er spielte Football, hatte einen festen Freundeskreis und galt keineswegs als Außenseiter. An der San Lorenzo Valley High School war er beliebt. Mitschüler erinnerten sich später daran, dass er zum Schüler mit den größten Zukunftsaussichten – „Most Likely to Succeed“ – gewählt wurde. Rückblickend wirkt diese Auszeichnung beinahe tragisch, denn kaum jemand hätte damals vermutet, welchen Weg sein Leben nehmen würde.
Nach seinem Highschool-Abschluss im Jahr 1965 schien Mullin zunächst eine vielversprechende Zukunft vor sich zu haben. Er schrieb sich am Cabrillo College in Aptos ein, um Civil Highway Technology zu studieren. Zwei Jahre später schloss er das Studium mit einem „Associate Degree” erfolgreich ab. Zeitweise dachte er sogar darüber nach, Ingenieur zu werden und eine stabile berufliche Laufbahn einzuschlagen.
Doch noch im Sommer nach seinem Schulabschluss ereignete sich ein Erlebnis, das von nahezu allen Biografen und forensischen Psychiatern als möglicher Wendepunkt beschrieben wird. Sein engster Freund Dean Richardson kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Verlust traf den 18-Jährigen tief. Später berichteten Angehörige, Mullin habe in seinem Zimmer kleine Gedenkstätten für Richardson errichtet und sich zunehmend mit dem Gedanken der Wiedergeburt beschäftigt. Ob der Tod seines Freundes den Ausbruch seiner späteren psychischen Erkrankung tatsächlich auslöste, lässt sich wissenschaftlich nicht beweisen. Fest steht jedoch, dass sich sein Verhalten nach diesem Ereignis allmählich veränderte.
Während seiner Collegezeit experimentierte Mullin erstmals mit Cannabis und später mit LSD. Später machte er den Drogenkonsum für den Zerfall seiner geistigen Gesundheit verantwortlich. Die psychiatrischen Gutachter kamen jedoch zu einer differenzierteren Einschätzung. Sie gingen davon aus, dass der Konsum halluzinogener Drogen eine bereits vorhandene psychische Erkrankung verstärkt oder beschleunigt haben könnte, jedoch nicht deren alleinige Ursache gewesen sei. Diese Bewertung entspricht dem heutigen medizinischen Kenntnisstand.
Gegen Ende der 1960er Jahre bemerkten Familie und Freunde deutliche Veränderungen bei ihm. Aus dem beliebten und sportlichen jungen Mann wurde zunehmend ein zurückgezogener Einzelgänger. Seine Gespräche wirkten sprunghaft und seine Gedanken erschienen Außenstehenden zunehmend schwer nachvollziehbar. Er entwickelte Misstrauen gegenüber seiner Umgebung, beschäftigte sich intensiv mit Religion und fernöstlichen Philosophien und berichtete schließlich von Stimmen und Botschaften, die nur er wahrnehmen konnte. Was zunächst wie eine persönliche Krise erschien, entwickelte sich zu einer schweren psychischen Erkrankung.
Herbert Mullin wurde im Jahr 1969 erstmals in das Mendocino State Hospital eingewiesen. In den folgenden Jahren kam es zu insgesamt fünf weiteren stationären psychiatrischen Aufenthalten. Schließlich stellten mehrere Fachärzte die Diagnose paranoide Schizophrenie. Obwohl er wiederholt medikamentös behandelt wurde, brach er Therapien häufig ab oder setzte seine Medikamente eigenmächtig ab. Er wurde immer wieder entlassen, da die Ärzte ihn zu diesem Zeitpunkt nicht als unmittelbare Gefahr für sich selbst oder andere einschätzten. Rückblickend sollte sich diese Fehleinschätzung als verhängnisvoll erweisen.
Als Herbert Mullin Anfang der 1970er Jahre zu seinen Eltern nach Felton zurückkehrte, war von dem einst ehrgeizigen und beliebten Jugendlichen nicht mehr viel übrig. Seine Gedanken wurden zunehmend von Wahnvorstellungen beherrscht. Er glaubte, Botschaften aus seiner Umgebung zu empfangen und Zeichen in alltäglichen Ereignissen zu erkennen. Er war überzeugt, eine besondere Aufgabe erfüllen zu müssen. Wenige Monate später begann eine Mordserie, die das Santa Cruz County erschüttern und Herbert William Mullin zu einem der bekanntesten psychotischen Serienmörder der Vereinigten Staaten machen sollte.
Für Außenstehende verlief die Entwicklung von Herbert Mullins zunächst schleichend. Es gab keinen Tag, an dem Freunde oder Angehörige plötzlich einen völlig anderen Menschen vor sich hatten. Vielmehr veränderte sich sein Verhalten über mehrere Jahre hinweg. Aus dem ehrgeizigen College-Studenten wurde ein junger Mann, der zunehmend den Kontakt zu seiner Umwelt verlor.
Nach seinem Abschluss am Cabrillo College versuchte Mullin zunächst, seinen Platz im Berufsleben zu finden. Er arbeitete für eine Straßenbaubehörde und nahm verschiedene Gelegenheitsarbeiten an. Gleichzeitig zerbrach seine langjährige Beziehung. Auch beruflich gelang es ihm nicht, dauerhaft Fuß zu fassen. Während seine Altersgenossen ihre Ausbildung beendeten, Familien gründeten oder Karrieren begannen, zog sich Mullin immer mehr zurück. Seine Gedanken kreisten immer häufiger um Religion, Wiedergeburt und den Sinn des menschlichen Lebens.
In dieser Zeit verschlechterte sich sein psychischer Zustand deutlich. Später berichteten Angehörige, dass Herbert oft abwesend gewirkt habe und auf Fragen nur noch zusammenhanglos geantwortet habe. Er entwickelte die Überzeugung, dass Menschen über Gedanken miteinander kommunizieren könnten und dass Ereignisse in seiner Umgebung geheime Botschaften für ihn enthielten. Zufällige Begegnungen, Fernsehberichte oder Gespräche fremder Menschen erhielten in seiner Wahrnehmung plötzlich eine persönliche Bedeutung. Was für andere alltägliche Situationen waren, erschien ihm wie verschlüsselte Hinweise auf eine höhere Wahrheit.
Die akustischen Halluzinationen belasteten ihn besonders. Mullin berichtete später, dass er Stimmen hörte, die ihn kritisierten, ihm Ratschläge erteilten oder ihm konkrete Anweisungen gaben. Zeitweise glaubte er eigenen Aussagen zufolge, die Stimme seines Vaters telepathisch wahrzunehmen. Andere Stimmen schrieb er übernatürlichen Kräften zu. Aus psychiatrischer Sicht handelte es sich dabei um typische Symptome einer paranoiden Schizophrenie. Die Gutachter stellten später fest, dass Mullin zu diesem Zeitpunkt den Bezug zur Realität zunehmend verlor.
Herbert Mullin wurde zwischen 1969 und 1972 insgesamt fünfmal in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Mehrere Fachärzte diagnostizierten dort unabhängig voneinander eine paranoide Schizophrenie. Er erhielt antipsychotische Medikamente und sprach zeitweise auf die Behandlung an. Das grundlegende Problem blieb jedoch bestehen. Mullin akzeptierte seine Erkrankung nicht. Immer wieder setzte er die Medikamente eigenmächtig ab oder verweigerte eine weitere Behandlung. Nach jeder Entlassung verschlechterte sich sein Zustand erneut.
Gleichzeitig entwickelte sich sein Wahnsystem immer weiter. Herbert Mullin beschäftigte sich intensiv mit Umweltzerstörung, Naturkatastrophen und der Geschichte Kaliforniens. Besonders die Tatsache, dass sein Geburtstag, der 18. April, auf den Jahrestag des verheerenden Erdbebens von San Francisco im Jahr 1906 fiel, erhielt für ihn eine tiefere Bedeutung. Er begann zu glauben, dies sei kein Zufall, sondern Teil einer kosmischen Bestimmung. Seiner Überzeugung nach stand Kalifornien erneut vor einer gewaltigen Naturkatastrophe.
Aus dieser Vorstellung heraus entwickelte sich schließlich sein zentraler Wahn. Mullin war überzeugt, dass Kriege und Naturkatastrophen eine Art Blutopfer für die Erde darstellten. Während des Vietnamkriegs seien genügend Menschen gestorben, um ein großes Erdbeben zu verhindern. Als sich der Krieg jedoch seinem Ende näherte und die Zahl der Gefallenen sank, war Mullin überzeugt, dass jemand neue Opfer bringen müsse. In seinem kranken Weltbild fiel diese Aufgabe ihm selbst zu. Er sah sich nicht als Mörder, sondern als Retter, der Millionen Menschen vor einer Katastrophe bewahren müsse. Diese Überzeugung bildete später den Kern seiner Aussagen gegenüber Ermittlern und Psychiatern und wurde zum entscheidenden Motiv seiner Mordserie.
Im Herbst 1972 war das Wahnsystem von Herbert William Mullins vollständig ausgeprägt. Die Stimmen, die er hörte, erschienen ihm realer als die Menschen in seiner Umgebung. Er war überzeugt, dass seine Handlungen notwendig und moralisch richtig seien. Wenige Wochen später sollte dieser Wahn blutige Realität werden. Am 13. Oktober 1972 beging Herbert Mullin seine erste Tat.
1
Die Opferchronologie
Der Morgen des 13. Oktobers 1972 begann unscheinbar. Herbert Mullin verließ das Haus seiner Eltern in Felton und fuhr mit seinem Chevrolet Kombi aus dem Jahr 1958 durch die kurvenreichen Straßen der Santa Cruz Mountains. In seinem Fahrzeug lag ein Baseballschläger, den er den späteren Ermittlungen zufolge bewusst mitgenommen hatte. Die Stimmen in seinem Kopf hatten sich inzwischen zu einem festen Bestandteil seines Alltags entwickelt. Sie redeten auf ihn ein, gaben Anweisungen und bestärkten ihn in der Überzeugung, dass Kalifornien kurz vor einer verheerenden Naturkatastrophe stehe. Seiner Vorstellung nach konnte nur ein Menschenopfer das drohende Erdbeben verhindern. Während seiner Fahrt bemerkte Mullin den 55-jährigen Lawrence „Whitey“ White, einen obdachlosen Mann, der am Straßenrand unterwegs war. White war in der Gegend bekannt. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten, schlief häufig im Freien und nahm Mitfahrgelegenheiten an, wenn sich welche boten. Für Herbert Mullin war er ein völlig Fremder. Mullin fuhr zunächst an ihm vorbei. Wenige Augenblicke später fasste er einen Entschluss. Er hielt seinen Wagen an, öffnete die Motorhaube und stellte sich so, als habe sein Fahrzeug eine Panne. White bemerkte den scheinbar hilflosen Autofahrer und bot ihm spontan seine Hilfe an. Laut späteren Aussagen Mullins wollte der Obdachlose im Gegenzug lediglich eine Mitfahrgelegenheit erhalten. Es war eine alltägliche Geste der Hilfsbereitschaft – und genau diese wurde ihm zum Verhängnis. Als sich Lawrence White über den geöffneten Motor beugte, griff Mullin nach dem Baseballschläger und schlug ihm mit voller Wucht gegen den Kopf. White brach sofort zusammen. Mullin setzte seine Schläge fort, bis keine Lebenszeichen mehr erkennbar waren. Die spätere Obduktion ergab, dass die schweren Schädelverletzungen zum Tod geführt hatten. Anschließend zog Mullin die Leiche einige Meter von der Straße weg in den Wald und ließ sie dort zurück. Am nächsten Tag wurde die Leiche entdeckt. Während die Ermittler zunächst von einem einzelnen Gewaltverbrechen ausgingen, hatte Herbert Mullin seine Tat in seinem eigenen Weltbild bereits vollständig gerechtfertigt. Später erklärte er den Psychiatern und Ermittlern, Lawrence White habe ihn telepathisch angesprochen. In seiner Vorstellung sei White die biblische Figur Jona gewesen und habe ihn aufgefordert, ihn zu töten, damit andere Menschen gerettet würden. Für Mullin war dies keine symbolische Botschaft oder ein Traum, sondern Realität. Die psychiatrischen Sachverständigen ordneten diese Aussage später eindeutig seinem ausgeprägten Wahnsystem zu. Für die Polizei gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Hinweis darauf, dass Lawrence White das erste Opfer eines Serienmörders geworden war. Es gab weder vergleichbare Taten noch ein erkennbares Motiv. Erst Monate später sollte sich zeigen, dass dieser Mord den Beginn einer vier Monate andauernden Blutspur markierte, die dreizehn Menschen das Leben kosten würde.
Nur elf Tage nach dem Mord an Lawrence „Whitey“ White war für Herbert Mullins die Schwelle zum Töten endgültig gefallen. Während der erste Mord in seinem Wahn noch den Charakter eines vermeintlich notwendigen Opfers trug, begann er nun, seine krankhaften Vorstellungen weiterzuentwickeln. Die Stimmen, die er nach eigener Aussage hörte, schienen ihn in seinem Handeln zu bestätigen. Für Mullins war der Tod des Obdachlosen kein Verbrechen gewesen, sondern der Beweis, dass er seine vermeintliche Mission erfüllen musste. Am 24. Oktober 1972 fuhr der 25-Jährige mit seinem Chevrolet durch Santa Cruz. Gegen Mittag bemerkte er die 24-jährige Cabrillo-College-Studentin Mary Margaret Guilfoyle, die per Anhalter unterwegs war. Sie war auf dem Weg zu einem Termin und nahm das Angebot einer Mitfahrgelegenheit an. Es sollte ihre letzte Entscheidung sein. Während der Fahrt griff Mullin plötzlich zu einem Jagdmesser und stach der jungen Frau unvermittelt in die Brust. Der Angriff kam völlig überraschend. Mary Guilfoyle hatte keine Möglichkeit, sich zu verteidigen oder aus dem Fahrzeug zu fliehen. Sie starb kurze Zeit später an ihren schweren Verletzungen. Anschließend fuhr Mullin in ein abgelegenes Waldgebiet im Bonny-Doon-Gebiet westlich von Santa Cruz und legte die Leiche dort ab. Was danach geschah, gehörte zu den verstörendsten Handlungen seiner gesamten Mordserie. Den Ermittlungen zufolge öffnete Mullin den Körper seines Opfers und entnahm mehrere Organe. Später erklärte er den Psychiatern, er habe überprüfen wollen, ob der menschliche Körper bereits durch Umweltverschmutzung vergiftet worden sei. Diese Vorstellung war Teil seines zunehmend komplexen Wahnsystems, in dem Umweltzerstörung, Naturkatastrophen und Menschenopfer untrennbar miteinander verbunden waren. Die Ermittler fanden keinerlei objektive Hinweise auf ein sexuelles Motiv. Die Verstümmelungen dienten laut Gutachten ausschließlich seinen krankheitsbedingten Wahnvorstellungen. Besonders bemerkenswert ist, dass der Leichnam von Mary Guilfoyle zunächst unentdeckt blieb. Erst im Februar 1973, nachdem Herbert Mullin bereits festgenommen worden war, wurden ihre sterblichen Überreste gefunden. Das zeitgleiche Auftreten eines zweiten Serienmörders im Santa-Cruz-Gebiet – Edmund Kemper – erschwerte zu diesem Zeitpunkt die Ermittlungen zusätzlich. Zeitweise prüften die Ermittler sogar, ob beide Fälle miteinander in Verbindung stehen könnten. Erst Mullins Geständnisse und weitere Beweise machten deutlich, dass Mary Guilfoyle zu seinen Opfern gehörte. Mit dem Tod der jungen Studentin veränderte sich Mullins Tatverhalten. Während Lawrence White noch mit einem Baseballschläger getötet worden war, griff Mullin nun zu einem Messer. In den folgenden Monaten sollte er die Tatwaffe erneut wechseln und schließlich überwiegend Schusswaffen einsetzen. Diese fehlende Konstanz erschwerte es den Ermittlern später erheblich, die einzelnen Taten miteinander in Verbindung zu bringen. Genau diese Mischung aus unterschiedlichen Tatwaffen, zufällig wirkenden Opfern und wechselnden Tatorten führte zunächst dazu, dass niemand hinter den Verbrechen einen einzigen Täter vermutete.
Nach dem Mord an Mary Margaret Guilfoyle verschlechterte sich Herbert Mullins' psychischer Zustand weiter. Laut seinen späteren Aussagen begannen die Stimmen, die er hörte, widersprüchliche Botschaften zu senden. Er zweifelte zeitweise sogar daran, ob die vermeintlichen Anweisungen tatsächlich von seinem verstorbenen Vater stammten oder ob man ihn täuschen wollte. Auf der Suche nach Antworten entschloss er sich, eine katholische Kirche aufzusuchen und seine Sünden zu beichten, in der Hoffnung, geistlichen Rat zu erhalten. Am 2. November 1972 betrat Herbert Mullin die St. Mary’s Catholic Church in Los Gatos, Kalifornien. Der 64-jährige Priester Father Henri Tomei nahm sich Zeit für das Beichtgespräch. Was während dieser Beichte tatsächlich gesprochen wurde, ist bis heute unbekannt. Pater Tomei nahm den Inhalt des Gesprächs mit ins Grab. Die einzige Schilderung des Geschehens stammt von Mullin selbst und muss deshalb mit großer Vorsicht betrachtet werden. Mullin behauptete später, der Priester habe sich während der Beichte freiwillig als nächstes Menschenopfer angeboten. Laut seiner Darstellung habe Tomei ihm zu verstehen gegeben, dass sein Tod notwendig sei, um das drohende Erdbeben in Kalifornien abzuwenden. Für diese Behauptung fanden die Ermittler jedoch keine Belege. Die psychiatrischen Sachverständigen werteten sie vielmehr als Ausdruck seines ausgeprägten Wahnsystems und seiner sogenannten wahnhaften Bedeutungszuschreibung. Unmittelbar nach der Beichte griff Mullin den Geistlichen an. Er schlug und trat auf Father Tomei ein und stach ihm anschließend mit einem Messer in die Brust. Der tödliche Stich traf das Herz. Der Priester starb noch am Tatort. Unmittelbar danach verließ Mullin die Kirche und verschwand, bevor Zeugen eingreifen konnten. Der Mord erschütterte die katholische Gemeinde weit über Los Gatos hinaus. Ein Priester war während der Ausübung seines seelsorgerischen Dienstes in einer Kirche getötet worden – ein Verbrechen, das selbst für erfahrene Ermittler außergewöhnlich war. Dennoch brachte zunächst niemand diese Tat mit den beiden vorangegangenen Morden an Lawrence White und Mary Guilfoyle in Verbindung. Die Vorgehensweise war völlig anders: White war mit einem Baseballschläger erschlagen worden und Guilfoyle war durch Messerstiche getötet und anschließend verstümmelt worden. Nun war ein Geistlicher nach einer Beichte Opfer eines Angriffs geworden. Ein gemeinsames Muster war für die Ermittler nicht erkennbar. Für Herbert Mullin selbst stellte der Mord an Father Tomei jedoch keinen Widerspruch dar. In seinem durch seine Krankheit verzerrten Weltbild hatte der Priester seine Zustimmung gegeben und sich freiwillig geopfert. Gerade dieser Umstand zeigt, wie weit Mullin sich zu diesem Zeitpunkt bereits von der Realität entfernt hatte. Er war nicht mehr in der Lage, zwischen tatsächlichen Ereignissen und den Botschaften seines Wahnsystems zu unterscheiden. Nach diesem Mord endete die Serie zunächst für fast drei Monate. Nach außen wirkte es, als sei der Täter verschwunden. Tatsächlich lebte Herbert Mullin jedoch weiterhin bei seinen Eltern in Felton. Während die Ermittler in drei unterschiedlichen Tötungsdelikten nach Zusammenhängen suchten, steigerte sich sein Wahn immer weiter. Als er Ende Januar 1973 erneut zur Waffe griff, sollte die Gewalt ein bis dahin ungekanntes Ausmaß annehmen.
Nach dem Mord an Father Henri Tomei blieb es fast drei Monate lang ruhig. Für die Ermittler schien es, als seien die drei Tötungsdelikte voneinander unabhängig. Nichts deutete darauf hin, dass ein einzelner Täter dahintersteckte. Währenddessen verschlechterte sich der psychische Zustand von Herbert Mullins weiter. Nach eigenen Angaben hatte er inzwischen sämtliche Drogen abgesetzt und war überzeugt, dass Cannabis und LSD sein Leben zerstört hätten. In seinem Wahnsystem machte er dafür einen bestimmten Menschen verantwortlich: Jim Ralph Gianera, einen ehemaligen Mitschüler, der ihm Jahre zuvor erstmals Marihuana angeboten hatte. Mullin war überzeugt, dass Gianera damit den Grundstein für seine psychische Erkrankung gelegt habe. Am 25. Januar 1973 machte sich Mullin mit mehreren Schusswaffen auf den Weg, um Gianera zu finden. Er fuhr zu der Adresse, an der sein ehemaliger Freund früher gewohnt hatte: eine abgelegene Hütte nahe der bekannten Touristenattraktion „Mystery Spot” in den Santa Cruz Mountains. Doch Jim Gianera lebte dort nicht mehr. Stattdessen öffnete ihm die 29-jährige Kathy Francis die Tür. Mullin erklärte, er suche einen alten Bekannten. Nichts an seinem Auftreten ließ erkennen, dass er nur wenige Minuten später zum Mörder werden würde. Kathy Francis kannte die Gianeras und nannte ihm bereitwillig deren neue Adresse. Damit wies sie, ohne es zu ahnen, den Weg zu den nächsten Opfern. Anschließend fuhr Mullin zur Wohnung von Jim Ralph Gianera und dessen Ehefrau Joan. Als Gianera die Tür öffnete, kam es zunächst zu einem kurzen Gespräch. Mullin warf ihm vor, sein Leben zerstört zu haben, indem er ihn Jahre zuvor mit Marihuana in Kontakt gebracht hatte. Was genau gesagt wurde, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Fest steht jedoch, dass Mullin plötzlich das Feuer eröffnete. Jim Gianera wurde mehrfach getroffen und versuchte, schwer verletzt, sich ins Obergeschoss zu seiner Frau zu retten. Mullin folgte ihm. Dort erschoss er auch Joan Gianera. Anschließend fügte er den beiden Leichen mit einem Messer weitere Verletzungen zu. Spätere rechtsmedizinische Untersuchungen ergaben, dass die meisten dieser Stichverletzungen erst nach dem Tod entstanden waren. Mit dem Doppelmord hätte die Gewalt enden können. Doch nun erkannte Mullin, dass Kathy Francis ihn zuvor gesehen hatte und ihn als Besucher identifizieren konnte. Nach seiner Logik durfte sie deshalb nicht am Leben bleiben. Er kehrte zu ihrem Haus zurück. Dort traf er auf Kathy Francis sowie die beiden Jungen David Hughes (9 Jahre) und Daemon Francis (4 Jahre). Ohne Vorwarnung eröffnete Mullin das Feuer. Alle drei starben noch im Haus. Anschließend verletzte er ihre Leichen auch noch mehrfach mit einem Messer. Ermittler fanden keinerlei Hinweise auf ein sexuelles Motiv oder einen persönlichen Konflikt. Die Tat diente ihrer Einschätzung nach ausschließlich dazu, eine mögliche Zeugin zu beseitigen – ein Umstand, der später im Prozess eine wichtige Rolle spielte, da er auf zielgerichtetes Handeln hindeutete. Als die Polizei die beiden Tatorte untersuchte, ging sie zunächst von einer Auseinandersetzung im Drogenmilieu aus. Sowohl Jim Gianera als auch Bob Francis, der Ehemann von Kathy Francis, standen in Verbindung zur damaligen Drogenszene. Die Ermittler vermuteten zunächst eine Abrechnung unter Drogendealern. Niemand brachte die fünf Morde mit den Tötungen von Lawrence White, Mary Margaret Guilfoyle oder Father Henri Tomei in Verbindung. Diese Fehleinschätzung verschaffte Herbert Mullin wertvolle Zeit. Während die Polizei in die falsche Richtung ermittelte, bereitete der Täter bereits seine nächsten Morde vor. Der 25. Januar 1973 markierte einen Wendepunkt in Herbert Mullins Mordserie. Innerhalb weniger Stunden tötete er fünf Menschen – mehr als an jedem anderen Tag seines Lebens. Zugleich zeigte sich erstmals, dass sein Handeln trotz seiner schweren Psychose nicht ausschließlich impulsiv war. Die Rückkehr zum Haus der Familie Francis, um eine mögliche Zeugin auszuschalten, wurde später von Staatsanwaltschaft und Gericht als Hinweis darauf gewertet, dass Mullin die Folgen seines Handelns durchaus erkennen konnte. Genau dieser Aspekt sollte Monate später entscheidend dafür sein, dass die Jury ihn trotz seiner diagnostizierten paranoiden Schizophrenie für strafrechtlich verantwortlich hielt.
Knapp zwei Wochen nach dem Fünffachmord vom 25. Januar 1973 war Herbert Mullin erneut auf der Suche nach einem Menschenopfer. Nach außen hin führte er das Leben eines unauffälligen jungen Mannes. In seinem Inneren jedoch war sein Wahnsystem inzwischen vollständig ausgeprägt. Er war überzeugt, dass jede weitere Tötung dazu beitrug, ein katastrophales Erdbeben in Kalifornien zu verhindern. Für ihn waren die Stimmen in seinem Kopf keine Krankheit, sondern eine höhere Wahrheit. Am 10. Februar 1973 wanderte Mullin durch den Henry Cowell Redwoods State Park bei Santa Cruz. Dort entdeckte er eine provisorische Zeltstelle im als „Garden of Eden“ bekannten Bereich des Parks. Vier Jugendliche hielten sich dort auf: David Oliker (18), Robert Spector (18), Brian Scott Card (19) und Mark Dreibelbis (15). Die Freunde campierten ohne Genehmigung dort und verbrachten das Wochenende gemeinsam in den Redwood-Wäldern. Mullin näherte sich der Gruppe zunächst ruhig. Er stellte sich als Parkranger vor und behauptete, das Camp müsse geräumt werden, da die Jugendlichen den Wald verschmutzt hätten und gegen die Parkregeln verstoßen hätten. Die vier jungen Männer nahmen den Fremden jedoch nicht ernst. Späteren Ermittlungen zufolge kam es zu einer kurzen Diskussion, bevor sie ihn aufforderten, weiterzugehen. Für die Jugendlichen war diese Begegnung lediglich eine unangenehme Unterbrechung ihres Ausflugs. Niemand ahnte, dass sie einem Serienmörder gegenüberstanden. Mullin entfernte sich zunächst vom Lager. In seiner späteren Aussage behauptete er, er habe die Jugendlichen anschließend „telepathisch” gefragt, ob er sie töten dürfe. In seinem Wahnsystem hätten alle vier zugestimmt. Diese Darstellung stammt ausschließlich von Mullin selbst und wurde von den psychiatrischen Sachverständigen als Ausdruck seiner paranoiden Schizophrenie bewertet. Für eine tatsächliche Kommunikation oder Zustimmung der Opfer existieren selbstverständlich keinerlei Hinweise. Mit einer Kleinkaliberpistole des Kalibers .22 kehrte Mullin kurze Zeit später zu dem Lager zurück. Ohne weitere Vorwarnung eröffnete er das Feuer. Schuss für Schuss traf er die Jugendlichen am Kopf. Die tödlichen Treffer erfolgten so schnell, dass kaum jemand eine Möglichkeit zur Flucht oder Gegenwehr hatte. Innerhalb weniger Augenblicke waren alle vier tot. Anschließend nahm Mullin das Gewehr der Jugendlichen im Kaliber .22 sowie 20 US-Dollar Bargeld an sich und verließ den Tatort. Es war der einzige bekannte Fall seiner Mordserie, in dem er Gegenstände seiner Opfer mitnahm. Die Ermittler gingen jedoch nicht von einem Raubmotiv aus. Sie werteten die Mitnahme der Waffe vielmehr als opportunistische Handlung nach den Morden. Die abgelegene Lage des Camps hatte zur Folge, dass das Verbrechen zunächst unentdeckt blieb. Erst einige Tage später wurden die Leichen gefunden. Für die Ermittler stellte sich erneut dieselbe Frage wie nach den vorangegangenen Tötungsdelikten: Gab es einen Zusammenhang? Die vier Jugendlichen, die scheinbar wahllos in einem Wald erschossen worden waren, passten jedoch weder zu den Morden an Lawrence White, Mary Guilfoyle oder Father Henri Tomei noch zu dem Fünffachmord Ende Januar. Unterschiedliche Opfer, unterschiedliche Tatorte und unterschiedliche Tatwaffen erschwerten die Ermittlungen erheblich. Gleichzeitig war mit Edmund Kemper ein weiterer Serienmörder im Raum Santa Cruz aktiv, was die Lage zusätzlich verkomplizierte. Für Herbert Mullin selbst stellte das Massaker eine weitere „Pflichterfüllung” dar. Später erklärte er, die Jugendlichen hätten den Wald verunreinigt und dadurch das natürliche Gleichgewicht gestört. Seiner Überzeugung nach waren ihre Tötungen notwendig, um eine weitaus größere Katastrophe zu verhindern. Diese Aussagen spiegeln das über Jahre hinweg entwickelte geschlossene Wahnsystem wider, das inzwischen jede moralische Grenze aufgehoben hatte. Drei Tage später sollte Herbert Mullin ein letztes Mal töten. Anders als bei allen vorherigen Verbrechen gab es diesmal jedoch einen Augenzeugen. Ein einziger Schuss auf einen älteren Mann in dessen Vorgarten führte innerhalb weniger Minuten zu seiner Festnahme und beendete eine der ungewöhnlichsten Mordserien der amerikanischen Kriminalgeschichte.
Drei Tage nach dem Vierfachmord im Henry Cowell Redwoods State Park war Herbert Mullin noch immer auf freiem Fuß. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Polizei noch nicht, dass sämtliche Tötungsdelikte der vergangenen Monate auf das Konto desselben Mannes gingen. Unterschiedliche Tatwaffen, verschiedene Opfergruppen und mehrere parallel laufende Ermittlungen hatten ein Erkennen des gemeinsamen Musters verhindert. Mullin selbst bewegte sich weiterhin scheinbar unauffällig durch Santa Cruz County. In seinem Wagen transportierte er Brennholz und die .22-Kaliber-Büchse, die er den vier Jugendlichen am Campingplatz abgenommen hatte. Am Vormittag des 13. Februars 1973 fuhr Mullin durch ein Wohngebiet in Santa Cruz. Dort fiel ihm der 72-jährige Fred Abbie Perez auf. Der ehemalige Boxer und Fischhändler arbeitete in seinem Vorgarten und kümmerte sich um sein Grundstück. Für den Rentner war es ein gewöhnlicher Dienstagmorgen. Er hatte keinerlei Verbindung zu Herbert Mullin und konnte nicht ahnen, dass er wenige Augenblicke später dessen letztes Opfer werden würde. Zunächst fuhr Mullin an dem Haus vorbei. Laut seiner späteren Aussage hörte er plötzlich erneut Stimmen, die ihm befahlen zu töten. Er wendete seinen Chevrolet-Kombi, kehrte um und hielt am Straßenrand an. Anschließend legte er das Gewehr auf die Motorhaube seines Fahrzeugs, zielte auf den ahnungslosen Fred Perez und feuerte einen einzigen Schuss ab. Das Projektil traf den Rentner direkt ins Herz. Perez brach zusammen und starb noch am Tatort. Anders als bei den vorherigen Morden hatte Mullin diesmal nicht mit Zeugen gerechnet. Mehrere Nachbarn hatten den Schuss gehört oder den Vorfall beobachtet. Besonders wichtig war die Aussage einer Nachbarin, die den flüchtenden Chevrolet sah und sich das Kennzeichen merkte. Noch während Mullin davonfuhr, alarmierte sie die Polizei und übermittelte eine genaue Beschreibung des Fahrzeugs. Damit verfügten die Ermittler erstmals über eine konkrete Spur zu dem Täter. Nur wenige Minuten später wurde die Fahrzeugbeschreibung über den Polizeifunk verbreitet. Ein Streifenbeamter entdeckte den Kombi, setzte sich hinter ihn und gab Herbert Mullin das Signal zum Anhalten. Mullin leistete keinen Widerstand. Er stellte das Auto ruhig am Straßenrand ab und ließ sich widerstandslos festnehmen. In dem Fahrzeug fanden die Beamten unter anderem das .22-Kaliber-Gewehr, das den vier Jugendlichen wenige Tage zuvor im Henry Cowell Redwoods State Park gehört hatte. Die Waffe sollte später zu einem wichtigen Beweisstück werden. Zunächst ahnte niemand, dass mit dieser Verkehrskontrolle eine der ungewöhnlichsten Mordserien der amerikanischen Kriminalgeschichte beendet worden war. Die Beamten gingen zunächst von einem einzelnen Tötungsdelikt aus. Erst die anschließenden Ermittlungen, ballistischen Gutachten und schließlich Mullins' eigene Aussagen brachten ans Licht, dass der unscheinbare 25-Jährige innerhalb von nur vier Monaten dreizehn Menschen ermordet hatte.
Während der Vernehmungen erklärte Herbert Mullin, dass auch Fred Perez ein notwendiges Opfer gewesen sei, um ein verheerendes Erdbeben in Kalifornien zu verhindern. Für die Ermittler waren diese Aussagen zunächst kaum nachvollziehbar. Erst die psychiatrischen Untersuchungen machten deutlich, dass sich hinter den scheinbar wahllosen Tötungen ein geschlossenes Wahnsystem verbarg. Dieses spielte im anschließenden Gerichtsverfahren eine zentrale Rolle – allerdings nicht bei der Frage, ob Mullin die Morde begangen hatte, sondern ob seine schwere psychische Erkrankung ihn strafrechtlich entschuldigen konnte.
2
Festnahme und erste Vernehmung
Nach seiner Festnahme wurde Herbert Mullin zunächst zum Sheriff des Santa Cruz County gebracht. Während der Fahrt verhielt sich der 25-Jährige ruhig und zeigte keine Anzeichen von Panik. Die Beamten beschrieben ihn später als höflich, gefasst und ungewöhnlich kooperativ. Nichts deutete darauf hin, dass sie soeben einen Mann festgenommen hatten, der innerhalb von vier Monaten dreizehn Menschen getötet hatte.
Im Dienstgebäude begann zunächst die routinemäßige Vernehmung zum Tod von Fred Perez. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Ermittler noch davon aus, lediglich den Täter eines einzelnen Mordes vor sich zu haben. Mullin beantwortete viele Fragen bereitwillig, sprach zusammenhängend und wirkte auf den ersten Blick orientiert. Gleichzeitig fielen den Beamten jedoch seine ungewöhnlichen Erklärungen auf. So sprach er immer wieder von Erdbeben, kosmischen Kräften und der Verantwortung, die Natur im Gleichgewicht zu halten.
Bereits in den ersten Stunden wurde deutlich, dass Herbert Mullin seine Tat nicht bestritt. Er erklärte, Fred Perez habe sterben müssen, um ein verheerendes Erdbeben zu verhindern. Für ihn war dies keine Ausrede, sondern eine unumstößliche Wahrheit. Er zeigte weder Reue noch versuchte er, seine Beteiligung zu verschleiern. Er war überzeugt, richtig gehandelt zu haben.
Während der Vernehmung fragten die Ermittler Mullin, ob er noch weitere Menschen getötet habe. Mullin antwortete ohne zu zögern mit Ja. Anschließend begann er, nacheinander weitere Tötungsdelikte zu schildern. Je länger die Befragung dauerte, desto deutlicher wurde den Beamten, dass sie es möglicherweise mit dem Täter mehrerer bis dahin ungeklärter Morde zu tun hatten.
Parallel dazu wurden Kriminalbeamte zu den früheren Tatorten geschickt. Mullins' Aussagen enthielten zahlreiche Einzelheiten, die nie veröffentlicht worden waren. Er beschrieb abgelegene Fundorte, nannte die Reihenfolge einzelner Handlungen und schilderte Details, die nur der Täter kennen konnte. Mit jeder überprüften Aussage verdichtete sich die Beweislage.
Von besonderer Bedeutung waren die kriminaltechnischen Untersuchungen der sichergestellten Waffen. Ballistische Vergleiche zeigten, dass mehrere Projektile von verschiedenen Tatorten mit den bei seiner Festnahme im Fahrzeug gefundenen Waffen übereinstimmten. Hinzu kamen Zeugenaussagen, Spuren an den Tatorten und Mullins' eigene Geständnisse. So wurde aus einem einzelnen Mordfall innerhalb weniger Tage eine der umfangreichsten Mordermittlungen, die das Santa Cruz County bis dahin erlebt hatte.
Dennoch blieb für die Ermittler eine Frage offen: Warum hatte ein bis dahin weitgehend unauffälliger junger Mann innerhalb weniger Monate dreizehn völlig fremde Menschen ermordet?
Die Antwort darauf wurde erst während der psychiatrischen Begutachtung und des späteren Gerichtsverfahrens sichtbar. Dort zeigte sich das vollständige Ausmaß des Wahnsystems, das das Denken und Handeln von Herbert Mullins beherrschte.
3
Das Gerichtsverfahren
Als Herbert William Mullin im Sommer 1973 vor Gericht erschien, war die Frage, ob er dreizehn Menschen getötet hatte, längst geklärt. Diese Tatsache war durch seine Geständnisse, ballistische Gutachten, Zeugenaussagen und weitere Beweise umfassend belegt. Das Verfahren konzentrierte sich stattdessen auf eine juristisch weit schwierigere Frage: War Herbert Mullin zum Zeitpunkt der Taten aufgrund seiner schweren psychischen Erkrankung strafrechtlich verantwortlich?
Am 30. Juli 1973 begann vor dem Superior Court des Santa Cruz County der Prozess um die zehn Morde, die im County Santa Cruz begangen worden waren. Bereits zu Beginn sorgte Mullin für Irritationen. Er erklärte mehrfach, dass er sich schuldig bekennen wolle, und wollte zeitweise sogar auf seinen Verteidiger verzichten. Das Gericht ließ dies jedoch nicht zu. Angesichts seiner bekannten psychiatrischen Vorgeschichte ordnete der Richter zunächst eine Prüfung seiner Prozessfähigkeit an. Mehrere Psychiater wurden hinzugezogen, um seinen geistigen Zustand zu beurteilen.
Die psychiatrischen Sachverständigen waren sich in einem Punkt weitgehend einig: Herbert Mullin litt an paranoider Schizophrenie. Er hörte Stimmen, entwickelte ein geschlossenes Wahnsystem und war davon überzeugt, dass er durch Menschenopfer ein katastrophales Erdbeben verhindern müsse. Uneinigkeit bestand jedoch bei der entscheidenden juristischen Frage, ob diese Erkrankung ihn nach kalifornischem Recht schuldunfähig machte.
Die Verteidigung argumentierte, Mullin habe aufgrund seiner Psychose die Realität nicht mehr zutreffend wahrnehmen können. Seine Taten seien vollständig von seinem Wahnsystem bestimmt gewesen. Aus seiner Sicht habe er keine Morde begangen, sondern Menschen geopfert, um Millionen andere zu retten. Wer in einer solchen Wahnwelt lebt, könne nach Auffassung der Verteidigung nicht wie ein gesunder Mensch für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden.
Die Staatsanwaltschaft widersprach dieser Einschätzung entschieden. Staatsanwalt Christopher Cottle machte deutlich, dass eine schwere psychische Erkrankung nicht automatisch zur Schuldunfähigkeit führt. Er führte aus, dass Mullin Waffen beschafft, Tatorte ausgewählt, Spuren verwischt und in mehreren Fällen bewusst gehandelt habe, um einer Entdeckung zu entgehen. Besonders der Doppelmord an Jim Gianera und die anschließende Rückkehr zum Haus von Kathy Francis wurden als Beispiele für ein planvolles Vorgehen angeführt. Nach Auffassung der Anklage zeigen diese Handlungen, dass Mullin sehr wohl wusste, dass seine Taten rechtswidrig waren.
Während des Prozesses schilderte Mullin immer wieder selbst seine Beweggründe. Ruhig und ohne erkennbare Reue erklärte er, dass ihm die Stimmen den Auftrag zum Töten gegeben hätten. Er berichtete von einem drohenden Erdbeben, das nur durch Menschenopfer verhindert werden könne. Seine Aussagen wirkten auf viele Prozessbeobachter bizarr und gleichzeitig erschreckend konsequent. Sie vermittelten das Bild eines Mannes, der fest an seine eigene Version der Wirklichkeit glaubte.
Nach mehreren Wochen der Beweisaufnahme zog sich die Jury zur Beratung zurück. Rund vierzehn Stunden später verkündete sie ihr Urteil. Herbert Mullin wurde für zurechnungsfähig erklärt. Die Geschworenen kamen zu dem Ergebnis, dass er trotz seiner paranoiden Schizophrenie grundsätzlich zwischen Recht und Unrecht unterscheiden konnte.
Für die Morde an Jim Gianera und Kathy Francis sprach die Jury ihn des Mordes ersten Grades schuldig, da sie diese Taten als vorsätzlich geplant ansah. In den übrigen acht Fällen des Santa-Cruz-Verfahrens erfolgte eine Verurteilung wegen Mordes zweiten Grades, da die Geschworenen dort von einem spontaneren Handeln innerhalb seines Wahnsystems ausgingen.
Der Mord an Father Henri Tomei wurde separat im Santa Clara County verhandelt. Am 11. Dezember 1973 bekannte sich Mullin schließlich des Mordes zweiten Grades schuldig, nachdem er zunächst auf „nicht schuldig” wegen Schuldunfähigkeit plädiert hatte. Auch hierfür erhielt er eine lebenslange Freiheitsstrafe, die zu seinen bereits bestehenden Strafen hinzukam.
Mit den Urteilen endete eines der ungewöhnlichsten Strafverfahren der amerikanischen Kriminalgeschichte. Der Fall Herbert William Mullin verdeutlichte, wie schwierig die Abgrenzung zwischen schwerer psychischer Erkrankung und strafrechtlicher Verantwortlichkeit sein kann. Obwohl seine paranoide Schizophrenie unbestritten war, gelangte das Gericht zu der Überzeugung, dass er die Unrechtmäßigkeit seiner Taten erkannte und deshalb strafrechtlich verantwortlich war. Diese Entscheidung prägt die juristische und forensisch-psychiatrische Diskussion über den Fall bis heute.
4
Herbert Mullins Leben im Gefängnis
Mit der Verurteilung zu mehreren lebenslangen Freiheitsstrafen endete die Freiheit von Herbert William Mullins endgültig. Im Gegensatz zu vielen anderen amerikanischen Serienmördern verbrachte er den Großteil seines weiteren Lebens nicht in einem klassischen Hochsicherheitsgefängnis, sondern in medizinisch ausgerichteten Justizvollzugseinrichtungen des Bundesstaates Kalifornien. Aufgrund seiner diagnostizierten paranoiden Schizophrenie stand neben der Sicherung der Öffentlichkeit auch seine psychiatrische Behandlung im Mittelpunkt des Strafvollzugs.
Kurz nach seiner Einlieferung begann eine langfristige medikamentöse Therapie. Die Ärzte behandelten ihn mit Antipsychotika, um die Halluzinationen und Wahnvorstellungen einzudämmen. Im Gegensatz zu den Jahren vor seiner Festnahme nahm Mullin die Medikamente nun regelmäßig ein. Die engmaschige ärztliche Überwachung führte dazu, dass sich sein psychischer Zustand im Laufe der Jahre deutlich stabilisierte. Dennoch kamen die behandelnden Psychiater wiederholt zu dem Schluss, dass seine Schizophrenie chronisch war und eine lebenslange Behandlung erforderlich machte.
Während seiner Haft fiel Mullin nur selten durch aggressives Verhalten gegenüber Bediensteten oder Mitgefangenen auf. Die Mitarbeiter des Strafvollzugs beschrieben ihn überwiegend als ruhigen, höflichen und eher zurückgezogen lebenden Gefangenen. Er arbeitete zeitweise innerhalb der Haftanstalt und hielt sich im Allgemeinen an die Anstaltsregeln. Dieses Verhalten stand in auffälligem Gegensatz zu der Brutalität seiner Verbrechen und wurde von Psychiatern häufig als Hinweis gewertet, dass seine Gewalttaten eng mit seinem damaligen unbehandelten Wahnsystem verbunden waren.
Besondere Bekanntheit erlangte seine gemeinsame Unterbringung mit dem Serienmörder Edmund Kemper in der „California Medical Facility” in Vacaville. Beide gehörten zu den bekanntesten Mördern Kaliforniens und befanden sich zeitweise im selben Zellentrakt. Kemper berichtete später in mehreren Interviews, Mullin habe häufig laut gesungen oder Selbstgespräche geführt und dadurch Mitgefangene gestört. Laut Kempers Darstellung entwickelte sich zwischen den beiden eine ungewöhnliche Form des Zusammenlebens. Er habe Mullin wiederholt aufgefordert, leiser zu sein, und ihm gelegentlich Wasser übergegossen, wenn dieser nachts nicht aufhörte zu singen. Diese Schilderungen stammen ausschließlich von Kemper und lassen sich durch offizielle Gefängnisunterlagen nicht vollständig überprüfen. Dass beide über längere Zeit in derselben Einrichtung untergebracht waren, ist jedoch dokumentiert.
Ab den 1980er-Jahren musste sich Herbert Mullin regelmäßig vor der kalifornischen Bewährungskommission verantworten. Bei jeder Anhörung prüften die Kommissionsmitglieder, ob von ihm weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit ausging. Dabei spielten neben seinem Verhalten im Gefängnis insbesondere die aktuellen psychiatrischen Gutachten eine entscheidende Rolle.
Obwohl Mullin im Strafvollzug nur selten disziplinarisch auffiel und seine psychischen Symptome unter Medikamenten weitgehend kontrolliert werden konnten, kamen die Gutachter immer wieder zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie bescheinigten ihm zwar eine gewisse Stabilisierung, stellten jedoch zugleich fest, dass seine Krankheitseinsicht begrenzt geblieben war. Noch Jahrzehnte nach den Morden hielt Mullin teilweise an der Überzeugung fest, er habe durch seine Taten ein großes Erdbeben verhindert. Zwar erkannte er an, psychisch krank gewesen zu sein, er übernahm jedoch keine uneingeschränkte persönliche Verantwortung für die dreizehn Morde.
Gerade die fehlende vollständige Einsicht war einer der wichtigsten Gründe dafür, dass sämtliche Anträge auf Bewährung abgelehnt wurden. Die Kommission kam wiederholt zu dem Schluss, dass eine Entlassung angesichts der Schwere der Taten und des weiterhin bestehenden Restrisikos nicht verantwortet werden könne. Herbert Mullin blieb deshalb bis zu seinem Lebensende in Haft.
Mit zunehmendem Alter verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Wie viele langjährig Inhaftierte litt er unter verschiedenen altersbedingten Erkrankungen. Schließlich wurde er in das „California Health Care Facility” in Stockton verlegt. Diese Einrichtung ist auf die medizinische Versorgung schwer erkrankter Gefangener spezialisiert. Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre unter ständiger ärztlicher Betreuung.
Herbert William Mullin starb am 18. August 2022 im Alter von 75 Jahren während seiner Haft. Laut Angaben der kalifornischen Strafvollzugsbehörden trat sein Tod infolge natürlicher Ursachen ein. Damit endete fast fünfzig Jahre nach seiner Verurteilung das Leben eines Mannes, dessen Name bis heute untrennbar mit einer der außergewöhnlichsten Mordserien der amerikanischen Kriminalgeschichte verbunden ist.
5
Mythen und belegbare Fakten
Kaum ein anderer amerikanischer Serienmörder wird in Büchern, Dokumentationen und im Internet so unterschiedlich dargestellt wie Herbert William Mullin. Viele Informationen wurden über Jahrzehnte immer wieder voneinander abgeschrieben. Dadurch sind zahlreiche Mythen und Ungenauigkeiten entstanden, die bis heute verbreitet werden. Ein Blick auf die belegbaren Fakten zeigt, dass sich manche Behauptungen gar nicht oder nur teilweise nachweisen lassen.
Mythos: Herbert Mullin tötete ausschließlich, um ein Erdbeben zu verhindern.
Teilweise richtig. Mullin erklärte sowohl nach seiner Festnahme als auch während des Gerichtsverfahrens wiederholt, die Morde seien notwendig gewesen, um ein verheerendes Erdbeben in Kalifornien zu verhindern. Diese Aussage ist durch Vernehmungsprotokolle und psychiatrische Gutachten gut belegt.
Ebenso belegt ist jedoch, dass nicht jede Tat ausschließlich mit dieser Begründung erklärt wurde. Im Fall von Jim Gianera spielte beispielsweise auch Mullins Überzeugung eine Rolle, Gianera habe ihn Jahre zuvor mit Drogen in Kontakt gebracht und dadurch sein Leben zerstört. Sein Wahnsystem verband verschiedene Überzeugungen miteinander, sodass sich die Motive je nach Opfer unterschieden.
Mythos: Mullin war unzurechnungsfähig.
Falsch. Mehrere psychiatrische Sachverständige stellten bei Herbert Mullin die Diagnose „paranoide Schizophrenie”. Über diese Diagnose bestand kaum Streit.
Die Jury kam jedoch zu dem Ergebnis, dass Mullin trotz seiner Erkrankung wusste, dass Töten rechtswidrig ist. Deshalb wurde er strafrechtlich verantwortlich gemacht und zu lebenslanger Haft verurteilt. Dieser Unterschied zwischen einer psychiatrischen Diagnose und juristischer Schuldfähigkeit wird in vielen Darstellungen nicht ausreichend erklärt.
Mythos: Herbert Mullin war ein sexuell motivierter Serienmörder.
Falsch. Bei keinem der dreizehn nachgewiesenen Opfer konnten die Ermittler Hinweise auf ein sexuelles Motiv oder sexuelle Übergriffe finden.
Auch die psychiatrischen Gutachten beschrieben keine sexuelle Motivation. Damit unterschieden sich seine Taten deutlich von denen vieler anderer amerikanischer Serienmörder der 1970er Jahre.
Mythos: Alle Opfer wurden zufällig ausgewählt.
Nicht ganz. Die meisten Opfer kannte Mullin tatsächlich nicht.
Eine wichtige Ausnahme war jedoch Jim Ralph Gianera, den Mullin noch aus seiner Jugend kannte. Er machte ihn für seinen ersten Drogenkonsum verantwortlich und suchte ihn gezielt auf. Die übrigen Opfer wurden nach dem Stand der Ermittlungen überwiegend zufällig ausgewählt oder gerieten aufgrund bestimmter Situationen in Mullins Wahnsystem.
Mythos: Herbert Mullin war schon als Kind gewalttätig.
Nicht belegt. In den Gerichtsunterlagen finden sich keine Hinweise darauf, dass Mullin in seiner Kindheit oder Jugend durch schwere Gewalttaten gegen Menschen aufgefallen ist.
Es gibt einzelne Berichte über Tierquälerei. Diese stammen jedoch überwiegend aus späteren Aussagen und lassen sich heute nicht unabhängig verifizieren. Sie sollten deshalb nicht als gesicherte Tatsache dargestellt werden.
Mythos: LSD machte Herbert Mullin zum Serienmörder.
Nicht belegt. Mullin selbst machte seinen LSD-Konsum später für seine psychische Erkrankung verantwortlich.
Die psychiatrischen Gutachter kamen jedoch zu einem differenzierteren Ergebnis. Ihrer Einschätzung nach konnte der Drogenkonsum psychotische Symptome verstärken oder diese sogar früher auslösen. Ein Beweis dafür, dass LSD allein die Schizophrenie oder die spätere Mordserie verursachte, existiert jedoch nicht. Nach dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand entsteht Schizophrenie durch ein komplexes Zusammenspiel genetischer, biologischer und Umweltfaktoren.
Mythos: Herbert Mullin zeigte im Gefängnis weiterhin gewalttätiges Verhalten.
Das ist größtenteils falsch. Während seiner jahrzehntelangen Haft galt Mullin überwiegend als ruhiger Gefangener. Schwere Gewaltvorfälle gegen Bedienstete oder Mitgefangene sind nicht dokumentiert.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Behörden ihn für ungefährlich hielten. Mehrere psychiatrische Gutachten kamen zu dem Schluss, dass aufgrund seiner anhaltenden Erkrankung und fehlenden Einsicht ein erhebliches Risiko weiterhin bestand. Aus diesem Grund wurde ihm bei jeder Anhörung die Bewährung verweigert.
Mythos: Herbert Mullin und Edmund Kemper waren befreundet.
Falsch. Beide Serienmörder waren zeitweise in derselben Haftanstalt untergebracht.
Edmund Kemper berichtete später mehrfach über Mullin und schilderte dabei gemeinsame Erlebnisse aus dem Gefängnis. Dadurch entstand gelegentlich der Eindruck einer Freundschaft. Tatsächlich gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass die beiden Männer ein freundschaftliches Verhältnis hatten. Laut Kempers eigenen Aussagen empfand er Mullins Verhalten häufig als störend.
Herbert William Mullin ist ein seltener Fall eines Serienmörders, dessen Taten nach übereinstimmender Auffassung der psychiatrischen Sachverständigen eng mit einer schweren paranoiden Schizophrenie verbunden waren. Gleichzeitig stellte das Gericht jedoch fest, dass seine Erkrankung seine strafrechtliche Verantwortlichkeit nicht aufhob. Gerade dieses Spannungsfeld macht den Fall bis heute zu einem wichtigen Untersuchungsgegenstand der forensischen Psychiatrie und der Kriminologie. Es zeigt, dass eine psychische Erkrankung allein keine ausreichende Erklärung für schwerste Gewaltverbrechen ist und dass zwischen medizinischer Diagnose und strafrechtlicher Schuld sorgfältig unterschieden werden muss. Auch mehr als fünf Jahrzehnte nach Beginn seiner Mordserie ist Herbert William Mullin deshalb einer der am intensivsten untersuchten Täter der amerikanischen Kriminalgeschichte.
6
Kriminalpsychologische Einordnung
Die folgende Einordnung basiert auf Erkenntnissen aus den Gerichtsakten, psychiatrischen Gutachten, Ermittlungen und forensischer Fachliteratur. Sie beschreibt keine gesicherten Gedanken oder Gefühle von Herbert Mullins, sondern bewertet sein Verhalten aus kriminalpsychologischer Sicht.
Herbert William Mullin nimmt eine Sonderstellung innerhalb der amerikanischen Kriminalgeschichte ein. Im Gegensatz zu vielen bekannten Serienmördern der 1960er- und 1970er-Jahre wie Ted Bundy, John Wayne Gacy oder Randy Kraft, die ihre Opfer aus sexuellen, sadistischen oder machtorientierten Motiven töteten, fanden sich bei Mullin keine belastbaren Hinweise auf eine sexuelle Motivation oder ein Bedürfnis nach persönlicher Dominanz. Nach übereinstimmender Auffassung der psychiatrischen Sachverständigen standen seine Taten in engem Zusammenhang mit einer schweren paranoiden Schizophrenie und einem über Jahre entstandenen Wahnsystem. Gerade diese Verbindung macht den Fall bis heute zu einem der am häufigsten untersuchten Beispiele für die Frage, welchen Einfluss eine psychotische Erkrankung auf schwerste Gewaltverbrechen haben kann.
Das zentrale Merkmal von Herbert Mullins' psychischer Erkrankung war ein geschlossenes Wahnsystem. Er war fest davon überzeugt, dass Kalifornien unmittelbar vor einem verheerenden Erdbeben stand und dieses nur durch Menschenopfer verhindert werden könne. Diese Überzeugung beruhte nicht auf einer symbolischen Vorstellung oder religiösen Metapher. Für Mullin war sie Wirklichkeit. Hinzu kamen akustische Halluzinationen und sogenannte wahnhafte Bedeutungszuschreibungen. Zufällige Ereignisse, Gesten anderer Menschen oder alltägliche Beobachtungen interpretierte er als persönliche Botschaften. Aus kriminalpsychologischer Sicht führte dies dazu, dass seine Entscheidungen nicht mehr auf objektiven Tatsachen, sondern auf einer krankheitsbedingt verzerrten Wahrnehmung beruhten.
Die Mordserie weist sowohl organisierte als auch desorganisierte Elemente auf. Für ein organisiertes Vorgehen spricht unter anderem, dass Mullin häufig Schusswaffen bei sich trug. Er war mobil und konnte Tatorte gezielt aufsuchen. Nach den Taten verließ er die Tatorte in der Regel kontrolliert. Er vermied unnötige Aufmerksamkeit unmittelbar nach den Morden.
Gleichzeitig finden sich zahlreiche desorganisierte Merkmale. Die Opfer unterschieden sich stark in Bezug auf Alter, Geschlecht und Lebenssituation. Die Auswahl der Opfer wirkte für Außenstehende weitgehend zufällig. Mehrere Tatentscheidungen beruhten ausschließlich auf seinen Wahnvorstellungen. Es existierte kein einheitliches Opferprofil. Diese Kombination aus planvollem Verhalten und krankheitsbedingter Desorganisation ist charakteristisch für Täter, deren Handlungen durch eine schwere Psychose beeinflusst werden.
Bis auf Jim Ralph Gianera kannte Herbert Mullin keines seiner späteren Opfer persönlich. Die Ermittlungen ergaben keine Hinweise darauf, dass Geschlecht, Alter oder sozialer Status für seine Auswahl entscheidend waren. Ausschlaggebend war vielmehr, ob eine Person in seinem Wahnsystem eine bestimmte Rolle einnahm. So konnte ein Fremder ebenso zum Opfer werden wie ein Priester, eine Studentin oder ein Rentner. Aus kriminalpsychologischer Sicht spricht man deshalb von einer situationsabhängigen Opferauswahl innerhalb eines psychotischen Wahnsystems.
Ein wesentliches Merkmal dieser Mordserie ist das Fehlen sexueller Komponenten. Die rechtsmedizinischen Untersuchungen ergaben keine Hinweise auf sexuelle Übergriffe oder Handlungen dieser Art an den Opfern. Auch während des Prozesses fanden sich keine Belege für entsprechende Fantasien oder Motive. Dadurch unterscheidet sich Mullin deutlich von zahlreichen anderen amerikanischen Serienmördern seiner Zeit.
Während der Vernehmungen zeigte Herbert Mullin kaum Mitgefühl für seine Opfer. Dies sollte jedoch nicht vorschnell mit Gefühllosigkeit gleichgesetzt werden. Nach Einschätzung der psychiatrischen Gutachter betrachtete Mullin die Tötungen als notwendige Opfer, um eine größere Zahl von Menschen zu schützen. Da er seine Handlungen innerhalb seines Wahnsystems als moralisch richtig empfand, entwickelte er keine Schuldgefühle im üblichen Sinne. Seine emotionale Distanz ist laut den Gutachten daher eher auf seine gestörte Realitätswahrnehmung als auf eine nachweisbare sadistische Persönlichkeitsstruktur zurückzuführen.
Warum wurde Mullin trotz seiner Schizophrenie verurteilt? Diese Frage gehört bis heute zu den meistdiskutierten Aspekten des Falls. Das Gericht bestritt nie, dass Herbert Mullin an einer paranoiden Schizophrenie litt. Ausschlaggebend war die rechtliche Bewertung seiner Handlungen. Die Jury gelangte zu dem Schluss, dass Mullin trotz seiner Erkrankung wusste, dass Töten verboten ist. Dafür sprachen unter anderem das Mitführen geladener Waffen, das gezielte Aufsuchen einzelner Tatorte, das Verlassen der Tatorte nach den Morden, die Beseitigung möglicher Zeugen in einzelnen Fällen und sein insgesamt zielgerichtetes Verhalten. Die Geschworenen kamen deshalb zu dem Ergebnis, dass seine psychische Erkrankung seine strafrechtliche Verantwortlichkeit nicht vollständig aufhob.
Während seiner jahrzehntelangen Haft stabilisierte sich der psychische Zustand von Herbert Mullins unter medikamentöser Behandlung deutlich. Dennoch lehnten die kalifornischen Bewährungskommissionen sämtliche Anträge auf Entlassung ab. Ausschlaggebend war, dass Mullins nach Einschätzung der Gutachter nie eine vollständige Krankheitseinsicht entwickelte. So hielt er teilweise noch Jahrzehnte später an der Überzeugung fest, seine Taten hätten eine Naturkatastrophe verhindert. Aus forensischer Sicht wurde deshalb weiterhin ein relevantes Rückfallrisiko gesehen, falls seine psychotischen Symptome erneut auftreten oder eine Behandlung nicht mehr gewährleistet wäre.
Der Fall von Herbert William Mullin hat bis heute einen hohen Stellenwert in der forensischen Psychiatrie und Kriminalpsychologie. Er zeigt, dass schwerste Gewaltverbrechen aus einem psychotischen Wahnsystem heraus begangen werden können, ohne dass die strafrechtliche Schuldfähigkeit dadurch automatisch entfällt. Gleichzeitig verdeutlicht der Fall einen wichtigen wissenschaftlichen Grundsatz: Die große Mehrheit der Menschen mit Schizophrenie ist nicht gewalttätig. Die große Mehrheit von ihnen begeht niemals schwere Straftaten. Herbert Mullin stellt somit keine typische Entwicklung einer Schizophrenie dar, sondern einen außergewöhnlichen Einzelfall, bei dem mehrere individuelle Risikofaktoren zusammenwirkten.
Mehr als fünfzig Jahre nach Beginn seiner Mordserie dient Herbert Mullin noch immer als Lehrbeispiel für das komplexe Zusammenspiel von psychischer Erkrankung, Wahnsystem, Gewaltkriminalität und strafrechtlicher Verantwortung. Seine Geschichte macht deutlich, dass weder eine psychiatrische Diagnose noch das äußere Verhalten eines Täters ausreichen, um die Ursachen schwerster Gewaltverbrechen zu erklären. Erst die Gesamtschau aus medizinischen, kriminalistischen und juristischen Erkenntnissen ermöglicht eine sachgerechte Einordnung dieses außergewöhnlichen Falls.