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Tsutomu Miyazaki
Miyazaki wurde am 21. August 1962 im Westen der Präfektur Tokio geboren. In der Literatur werden sowohl Ōme als auch das benachbarte Itsukaichi (heute Akiruno) als sein Geburtsort genannt. Unstrittig ist jedoch, dass er in einer wohlhabenden Familie im Raum West-Tokio aufwuchs. Er war das jüngste von vier Kindern. Die Familie galt nach außen als unauffällig und verfügte über ein stabiles Einkommen. Hinweise auf Vernachlässigung oder Armut finden sich in den offiziellen Gerichtsunterlagen nicht. Bereits bei seiner Geburt wurde eine angeborene Fehlbildung seiner Hände festgestellt. Seine Handgelenke waren nur eingeschränkt beweglich, wodurch seine Hände dauerhaft nach innen gekrümmt wirkten. Medizinisch handelte es sich um eine Fehlbildung der Handgelenke und Unterarme. Die Einschränkung war dauerhaft und konnte nicht vollständig korrigiert werden. Mehrere ehemalige Mitschüler berichteten später, dass diese körperliche Auffälligkeit häufig Anlass für Hänseleien gewesen sei. Dass daraus unmittelbar seine späteren Straftaten entstanden, ist jedoch nicht belegbar. Die Gerichte stellten keinen direkten ursächlichen Zusammenhang zwischen seiner Behinderung und den Morden fest.
Miyazaki besuchte reguläre Schulen in Tokio. Seine Lehrer beschrieben ihn später als ruhigen, introvertierten und wenig kontaktfreudigen Schüler. Auffällige Gewalttätigkeiten oder schwerwiegende Disziplinarprobleme während dieser Zeit sind in den offiziellen Unterlagen nicht vermerkt. Seine schulischen Leistungen lagen zunächst im durchschnittlichen Bereich. In den späteren Schuljahren verschlechterten sich seine Noten jedoch deutlich. Nach dem Schulabschluss bewarb er sich für ein Medizinstudium. Die Aufnahmeprüfung bestand er jedoch nicht.
Nachdem Miyazaki sein Medizinstudium abgebrochen hatte, absolvierte er eine Ausbildung zum Fotografietechniker. Später arbeitete er in einem Fotolabor. Dort entwickelte er Filme und Fotografien. Es gibt keine Hinweise darauf, dass seine spätere Tatserie bereits während dieser Tätigkeit begann oder vorbereitet wurde. Nach seiner Ausbildung zog Miyazaki wieder in das Haus seiner Eltern. Er lebte dort weitgehend zurückgezogen in seinem eigenen Zimmer. Familienangehörige beschrieben ihn später als zunehmend isoliert. Sozialkontakte außerhalb der Familie wurden immer seltener.
Während der 1980er Jahre entwickelte Miyazaki eine außergewöhnlich umfangreiche Sammlung von Videokassetten, Zeitschriften, Manga und Filmen. Bei seiner späteren Festnahme stellten Ermittler mehrere tausend Videokassetten sowie zahlreiche Magazine, Comics und selbst aufgenommene Videos sicher. Wichtig ist die Einordnung: Die Existenz dieser Sammlung war kein Beweis für Straftaten. Erst nach seiner Festnahme entstand in der japanischen Öffentlichkeit die weit verbreitete Annahme, seine Medienleidenschaft sei die Ursache seiner Morde gewesen. Diese Schlussfolgerung gilt unter Kriminologen und Medienwissenschaftlern heute jedoch als zu vereinfachend und wird durch die Gerichtsakten nicht gestützt.
Miyazaki zog sich ab Mitte der 1980er Jahre immer stärker aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Mehrere Bekannte berichteten später, dass er kaum Freundschaften pflegte und den Großteil seiner Freizeit allein verbrachte. Er verbrachte viele Stunden mit Fernsehen, Videofilmen, Manga und eigenen Videoaufnahmen. Diese soziale Isolation ist gut dokumentiert. Sie erklärt jedoch nicht seine späteren Taten und darf nicht mit einer Kausalität verwechselt werden.
Nach seiner Festnahme beschrieben seine Eltern ihn als verschlossenen Menschen, der nur wenig über sein Privatleben sprach. Während sein Vater weiterhin im Familienunternehmen arbeitete, war Miyazaki nur zeitweise berufstätig. Nach der Verhaftung seines Sohnes entschuldigte sich der Vater öffentlich bei den Familien der Opfer. Laut Berichten verkaufte er Teile seines Eigentums, um Entschädigungszahlungen zu leisten. Einige Jahre später nahm er sich das Leben. Die Ermittlungen ergaben keine Hinweise auf Fremdverschulden.
Die belegbaren Fakten zeichnen das Bild eines körperlich beeinträchtigten und zunehmend sozial isolierten Mannes, dessen Lebensweg von beruflichen Rückschlägen und Rückzug geprägt war. Für die Zeit vor 1988 gibt es keine Hinweise darauf, dass er bereits wegen schwerer Gewalt- oder Sexualdelikte polizeilich in Erscheinung getreten war. Erst im Sommer 1988 begann die nachweisbare Mordserie, durch die er zu einem der bekanntesten Serienmörder Japans wurde.
Die Mordserie (1988–1989)
Die folgende Chronologie basiert auf gerichtlich festgestellten Tatsachen, Ermittlungsakten sowie übereinstimmenden Berichten seriöser japanischer und internationaler Quellen. Wo Aussagen ausschließlich auf Miyazakis Geständnissen beruhen oder später durch die Medien ausgeschmückt wurden, wird dies ausdrücklich kenntlich gemacht. Zwischen August 1988 und Juni 1989 entführte und ermordete Tsutomu Miyazaki vier Mädchen im Alter von vier bis sieben Jahren in der Präfektur Tokio und der benachbarten Präfektur Saitama. Alle Taten ereigneten sich innerhalb eines Radius von etwa 50 Kilometern im westlichen Ballungsraum Tokios.
Die Opfer hatten keine erkennbare persönliche Beziehung zum Täter. Die Ermittlungen ergaben, dass Miyazaki seine Opfer zufällig auswählte. Ihnen war lediglich ihr junges Alter und die Tatsache gemein, dass sie sich in Situationen befanden, in denen sie für kurze Zeit unbeaufsichtigt waren. Bereits nach den ersten beiden Taten vermutete die Polizei einen Serientäter. Aufgrund der geringen Zahl verwertbarer Spuren gelang es den Ermittlern zunächst jedoch nicht, einen Verdächtigen zu identifizieren.
Erstes Opfer – Mari Konno
22. August 1988
Einen Tag nach seinem 26. Geburtstag fuhr Miyazaki mit seinem Fahrzeug durch ein Wohngebiet in Iruma in der Präfektur Saitama. Dort bemerkte er die vierjährige Mari Konno, die allein unterwegs war. Laut den Feststellungen des Gerichts lockte er das Mädchen zu seinem Auto und brachte es an einen abgelegenen Ort. Dort tötete er das Kind. Die rechtsmedizinischen Untersuchungen belegten anschließend umfangreiche Handlungen am Leichnam. Einige Details wurden während des Prozesses aus Pietätsgründen nicht öffentlich behandelt. Mehrere Wochen später kehrte Miyazaki zum Ablageort zurück. Dabei entfernte er Körperteile und nahm persönliche Gegenstände des Opfers an sich. Besonders verstörend war eine später nachgewiesene Handlung: Monate nach der Tat verschickte Miyazaki eine Sendung an die Familie des Opfers, die unter anderem verbrannte Knochenfragmente sowie einen Brief enthielt. Die kriminaltechnischen Untersuchungen bestätigten den Zusammenhang mit Mari Konno. Diese Sendung spielte eine wichtige Rolle bei der Verbindung der einzelnen Mordfälle.
Zweites Opfer – Masami Yoshizawa
3. Oktober 1988
Nur wenige Wochen später schlug Miyazaki erneut zu. Die siebenjährige Masami Yoshizawa verschwand auf dem Heimweg in der Nähe ihres Wohnorts. Wie bereits beim ersten Mord nutzte er sein Fahrzeug, um das Kind zu entführen. Das Opfer wurde später tot aufgefunden. Zwischen den beiden Taten stellten die Ermittler zahlreiche Parallelen fest. Dazu zählen weibliche Kinder ähnlichen Alters, die Entführung mit einem Fahrzeug, abgelegene Tatorte und der erhebliche zeitliche Aufwand des Täters nach dem Tod der Opfer. Dennoch fehlten weiterhin konkrete Hinweise auf den Täter.
Drittes Opfer – Erika Namba
12. Dezember 1988
Mit der dritten Tat wurde deutlich, dass der Täter sein Vorgehen zunehmend perfektionierte. Die vierjährige Erika Namba verschwand beim Spielen. Auch dieses Mal brachte Miyazaki das Kind an einen abgelegenen Ort außerhalb seines Wohnumfelds. Die Ermittlungen ergaben erneut deutliche Übereinstimmungen mit den beiden ersten Fällen. Spätestens jetzt richteten Polizei und Staatsanwaltschaft eine gemeinsame Sonderkommission ein, da von einem Serientäter ausgegangen wurde. Öffentlichkeit und Medien berichteten nun nahezu täglich über die ungeklärten Kindermorde.
Viertes Opfer – Ayako Nomoto
6. Juni 1989
Das vierte Opfer war die fünfjährige Ayako Nomoto. Wie bei den vorherigen Fällen sprach Miyazaki das Mädchen in einem Wohngebiet an und fuhr es mit seinem Auto weg. Nach der Tat fotografierte und filmte er die Leiche. Diese Aufnahmen wurden später bei der Durchsuchung seines Hauses sichergestellt und dienten im Prozess als wichtige Beweismittel. Nach den Ermittlungen kehrte Miyazaki mehrfach zum Ablageort zurück. Mit diesem vierten Mord erreichte die Serie ihren grausamsten dokumentierten Höhepunkt.
Die Ermittlungen ergaben ein außergewöhnlich konsistentes Tatmuster. Es wurden ausschließlich sehr junge Mädchen ausgewählt. Die Opfer wurden zufällig ausgewählt, es bestand keine persönliche Beziehung. Nutzung eines Privatfahrzeugs zur Entführung. Die Opfer wurden an abgelegene Orte gebracht. Längerer Aufenthalt des Täters am Tatort. Wiederholte Rückkehr zu den Ablageorten. Mitnahme von Erinnerungsstücken. Teilweise werden Fotografien und Videoaufnahmen angefertigt. Kontaktaufnahme mit Angehörigen oder Bezugnahme auf die Opfer nach den Taten. Mithilfe dieses Musters konnten die Ermittler alle vier Fälle schließlich eindeutig einem Täter zuordnen.
Die Polizei stand vor erheblichen Schwierigkeiten. Es gab noch keine DNA-Datenbanken, wie sie heute üblich sind. Videoüberwachung im öffentlichen Raum war in Japan Ende der 1980er Jahre kaum vorhanden. Augenzeugen konnten lediglich ein unauffälliges Fahrzeug beschreiben. Auch die Auswertung der Fingerabdrücke führte zunächst zu keinem Treffer. Die Tatorte lagen zudem in unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen verschiedener Polizeidienststellen. Dadurch blieb Miyazaki fast ein Jahr lang unerkannt. Ironischerweise wurde die Mordserie nicht durch klassische Mordermittlungen beendet, sondern durch einen Zufall während einer weiteren Straftat, der schließlich zu seiner Festnahme und zur Aufklärung sämtlicher Morde führte.
Die vier nachgewiesenen Morde zeigen bereits zentrale Merkmale, die später im Prozess und in den psychiatrischen Gutachten ausführlich behandelt wurden. Dazu zählen eine sorgfältige Auswahl der Tatgelegenheiten, ein wiederkehrendes Vorgehen sowie Handlungen nach den Taten, die weit über die eigentliche Tötung hinausgingen. Diese Besonderheiten spielten eine entscheidende Rolle bei der Bewertung seiner Schuldfähigkeit und seines Tatmotivs.
Die Festnahme und Aufklärung der Mordserie
Die folgenden Ereignisse sind durch Polizeiberichte, Gerichtsakten sowie übereinstimmende zeitgenössische Berichterstattung gut dokumentiert. Wo Miyazakis spätere Aussagen eine Rolle spielen, wird dies entsprechend kenntlich gemacht.
Am 23. Juli 1989 fuhr Tsutomu Miyazaki mit seinem Fahrzeug durch ein Wohngebiet der Stadt Hachiōji im Westen Tokios. Zu diesem Zeitpunkt war die Polizei noch immer auf der Suche nach dem unbekannten Täter der vier Kindermorde. Am Nachmittag bemerkte Miyazaki ein etwa siebenjähriges Mädchen, das allein unterwegs war. Anders als bei seinen früheren Opfern gelang es ihm jedoch nicht, das Kind unbemerkt fortzubringen. Laut den Feststellungen des Gerichts sprach er das Mädchen an und versuchte, es in sein Fahrzeug oder an einen abgelegenen Ort zu locken. Als das Kind sich weigerte und anfing zu schreien, eskalierte die Situation. Miyazaki griff das Mädchen körperlich an. Die Schreie alarmierten jedoch den Vater des Mädchens, der sich in der Nähe befand. Er eilte sofort zur Hilfe. Als Miyazaki den Mann bemerkte, brach er den Angriff ab, rannte zu seinem Fahrzeug und flüchtete. Der Vater nahm die Verfolgung mit seinem Auto auf und konnte sich das Kennzeichen des Fluchtwagens merken. Diese Information wurde umgehend der Polizei übermittelt. Damit verfügten die Ermittler erstmals über einen konkreten Anhaltspunkt zu einem Verdächtigen. Innerhalb kurzer Zeit gelang es der Polizei, das Fahrzeug zu identifizieren und den Halter festzustellen. Tsutomu Miyazaki, ein bis dahin strafrechtlich kaum auffälliger Mann aus Tokio.
Noch am selben Tag wurde Miyazaki von der Polizei festgenommen – allerdings zunächst nicht wegen Mordes, sondern wegen des Angriffs auf das überlebende Mädchen. Zu diesem Zeitpunkt ahnten die Ermittler noch nicht, dass sie den seit fast einem Jahr gesuchten Serienmörder vor sich hatten. Während der ersten Vernehmungen zeigte sich Miyazaki ruhig und wenig gesprächig. Er bestritt einen Zusammenhang mit den ungeklärten Kindermorden.
Kurz nach seiner Festnahme beantragte die Polizei einen Durchsuchungsbeschluss für das Haus der Eltern von Miyazaki. Was die Ermittler dort fanden, gehört zu den schockierendsten Funden in der Geschichte der japanischen Kriminalität. In seinem Zimmer befanden sich mehrere tausend Videokassetten, Manga und Zeitschriften, selbst aufgenommene Videofilme, umfangreiche Fotoarchive, Kameras und Fotoausrüstung sowie persönliche Gegenstände der ermordeten Mädchen. Darüber hinaus wurden Fotografien und Videoaufnahmen gefunden, die eindeutig mindestens eines der Opfer nach der Tat zeigten. Diese Funde begründeten erstmals den dringenden Verdacht, dass Miyazaki mit der seit Monaten ungeklärten Mordserie in Verbindung stand.
Im Verlauf der kriminaltechnischen Untersuchungen konnten die Ermittler zahlreiche Verbindungen zwischen Miyazaki und den vier Mordfällen herstellen. Zu den wichtigsten Beweismitteln gehörten Gegenstände, die eindeutig den Opfern zugeordnet werden konnten, Fotografien, die nur der Täter angefertigt haben konnte, Videomaterial sowie Tatortkenntnisse, die nur dem Täter bekannt sein konnten. Hinzu kamen forensische Spuren an sichergestellten Gegenständen. Aufgrund dieser Beweise wurde Miyazaki schließlich auch wegen der vier Morde vernommen.
Während der folgenden Vernehmungen legte Miyazaki umfangreiche Aussagen ab und räumte seine Verantwortung für die vier Morde ein. Ein Teil seiner Schilderungen ließ sich durch objektive Beweise bestätigen. Andere Angaben waren widersprüchlich oder änderten sich im Laufe der Ermittlungen. Aus diesem Grund stützte sich das Gericht später nicht allein auf seine Geständnisse, sondern vor allem auf die umfangreiche Beweislage. Dies war wichtig, da bereits früh Zweifel an seinem psychischen Zustand bestanden.
Die Nachricht von der Festnahme löste in Japan großes Aufsehen aus. Seit Monaten hatte die Mordserie die Eltern im ganzen Land verunsichert. Viele Kinder waren nur noch in Begleitung ihrer Eltern unterwegs, Schulen verschärften ihre Sicherheitsmaßnahmen und die Medien berichteten nahezu täglich über die Ermittlungen. Als bekannt wurde, dass der Täter ein junger Mann aus einer auf den ersten Blick unauffälligen Familie war, entstand ein breites öffentliches Interesse an seinem Privatleben. Besonders sein Zimmer mit den Tausenden Videokassetten und Mangas wurde zum Gegenstand intensiver Berichterstattung. Diese mediale Fokussierung trug später wesentlich zur sogenannten „Otaku-Panik“ bei. In vielen Berichten wurde ein direkter Zusammenhang zwischen seiner Sammelleidenschaft und den Morden hergestellt – eine Schlussfolgerung, die weder vom Gericht noch von späteren wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt wurde.
Kurz nach seiner Festnahme ordnete die Staatsanwaltschaft umfassende psychiatrische Begutachtungen an. Die zentrale Frage lautete: War Tsutomu Miyazaki zum Zeitpunkt der Taten schuldfähig? Im Verlauf der folgenden Jahre kamen mehrere renommierte Psychiater zu teils deutlich unterschiedlichen Einschätzungen. Diese Gutachten prägten den gesamten Prozess und führten zu einer der kontroversesten Debatten der japanischen Rechtsgeschichte.