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Robert John Maudsley – Der Mann, der Jagd auf Kindermörder machte oder der gefährlichste Gefangene Großbritanniens?
Kaum um einen britischen Serienmörder ranken sich so viele Geschichten wie um Robert John Maudsley. Die Boulevardpresse machte ihn zum „Hannibal the Cannibal“, obwohl es bis heute keine Beweise für Kannibalismus gibt. Fest steht jedoch, dass vier Menschen durch seine Hand starben. Zwei von ihnen tötete er innerhalb weniger Stunden in einem Hochsicherheitsgefängnis. Seit Jahrzehnten lebt Maudsley nahezu vollständig isoliert in einer eigens für ihn errichteten Sicherheitszelle – ein Schicksal, das ihn zu einem der bekanntesten Gefangenen Europas machte. Doch wie wurde aus einem misshandelten Jungen einer der berüchtigtsten Gefängnismörder Großbritanniens?
Robert John Maudsley kam am 26. Juni 1953 in Liverpool zur Welt. Seine Kindheit verlief alles andere als gewöhnlich. Übereinstimmende Berichte ehemaliger Familienangehöriger sowie später veröffentlichte Gerichts- und Presseinformationen zeichnen das Bild eines von Gewalt, Vernachlässigung und Angst geprägten Elternhauses. Maudsley war eines von mehreren Kindern einer Arbeiterfamilie. Seine Eltern galten als überfordert und gewalttätig. Mehrere Geschwister berichteten später unabhängig voneinander von regelmäßigen körperlichen Misshandlungen. Die Sozialbehörden griffen schließlich ein und brachten einige der Kinder zeitweise in staatliche Obhut. Auch Robert verbrachte Teile seiner frühen Kindheit außerhalb der Familie, bevor er später zu seinen Eltern zurückkehrte. Welche langfristigen Folgen diese Jahre für seine psychische Entwicklung hatten, lässt sich heute nicht mit letzter Sicherheit beurteilen. Kriminologen und forensische Psychologen sind sich jedoch weitgehend einig, dass eine Kindheit mit chronischer Gewalt, fehlender emotionaler Bindung und wiederholten Traumatisierungen das Risiko für die Entwicklung schwerer Persönlichkeitsstörungen deutlich erhöht. Ob dies allein Maudsleys späteres Handeln erklärt, ist wissenschaftlich nicht haltbar, doch es bildet den Hintergrund seiner Biografie. Über seine Schulzeit ist vergleichsweise wenig bekannt. Gesichert ist, dass er die Schule früh verließ und nur unregelmäßig arbeitete. Wie viele junge Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen geriet er zunehmend an den Rand der Gesellschaft. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, lebte zeitweise ohne festen Wohnsitz und zog schließlich nach London.
Anfang der 1970er-Jahre hielt sich Robert Maudsley überwiegend in London auf. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete er zeitweise als Prostituierter. Dies ist durch Gerichtsunterlagen und zeitgenössische Berichte belegt. Die Londoner Unterwelt jener Zeit war geprägt von Gewalt, Drogen und sexueller Ausbeutung. Prostituierte waren einem hohen Risiko ausgesetzt, Opfer von Übergriffen zu werden. Auch Maudsley bewegte sich täglich in diesem Milieu. In dieser Phase lernte er Männer kennen, die seine spätere Entwicklung nachhaltig beeinflussen sollten. Einer von ihnen war John Farrell.
Über John Farrell existieren deutlich mehr gesicherte Informationen, als viele spätere Berichte vermuten lassen. Er war wegen sexueller Straftaten an Kindern verurteilt worden und hatte bereits eine Haftstrafe verbüßt. Diese Vorstrafen sind dokumentiert und spielten später eine zentrale Rolle in Maudsleys eigenen Aussagen. Am 29. März 1974 trafen sich Maudsley und Farrell in London. Beide begaben sich in Maudsleys Wohnung. Was sich dort während der folgenden Stunden genau ereignete, konnte nie vollständig rekonstruiert werden. Maudsley erklärte später gegenüber Ermittlern, Farrell habe ihm Fotografien gezeigt, auf denen Kinder sexuell missbraucht würden. Diese Behauptung wurde jedoch nie eindeutig bestätigt. Zwar war Farrell einschlägig vorbestraft, doch ob es die beschriebenen Fotos gab und ob sie Auslöser der Tat waren, konnte nie bewiesen werden. Fest steht hingegen, dass Farrell nach einer längeren Auseinandersetzung durch Erdrosseln getötet wurde. Die Obduktion bestätigte massive Gewalteinwirkungen sowie Strangulation als Todesursache. Bemerkenswert war Maudsleys Verhalten nach der Tat. Im Gegensatz zu vielen anderen Mördern versuchte er nicht zu fliehen oder Beweise zu vernichten. Stattdessen stellte er sich kurze Zeit später der Polizei und legte ein umfassendes Geständnis ab. Die britische Justiz bewertete den Fall aufgrund seines psychischen Zustands anders als gewöhnliche Tötungsdelikte. Maudsley wurde nicht in ein Gefängnis eingeliefert, sondern in das Hochsicherheitskrankenhaus Broadmoor Hospital eingewiesen, eine Einrichtung für psychisch auffällige Straftäter, in der einige der gefährlichsten Täter Großbritanniens untergebracht waren. Diese Entscheidung sollte weitreichende Folgen haben. Denn Broadmoor war nicht das Ende seiner Gewalt, sondern der Ort, an dem Robert John Maudsley zu einer der berüchtigtsten Figuren der britischen Kriminalgeschichte wurde.
Als Robert John Maudsley im Frühjahr 1974 in das Hochsicherheitskrankenhaus Broadmoor eingewiesen wurde, glaubten viele, die britische Justiz habe den richtigen Weg eingeschlagen. Der junge Mann hatte den wegen Kindesmissbrauchs vorbestraften John Farrell getötet und anschließend selbst die Polizei verständigt. Sein Verhalten wirkte widersprüchlich: Einerseits zeigte er Reue für die Tötung, andererseits machte er keinen Hehl daraus, dass er Farrell aufgrund seiner Straftaten gegen Kinder verachtete. Psychiater bescheinigten ihm erhebliche psychische Auffälligkeiten, weshalb statt eines gewöhnlichen Gefängnisses eine forensisch-psychiatrische Einrichtung als angemessener angesehen wurde. Doch Broadmoor war kein Krankenhaus im klassischen Sinne. Hinter den hohen Mauern befanden sich einige der gefährlichsten psychisch auffälligen Straftäter Großbritanniens. Mörder, Sexualstraftäter und Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen lebten dort Tür an Tür. Die Einrichtung sollte therapieren und gleichzeitig die Öffentlichkeit schützen. Für Maudsley wurde sie jedoch zum Schauplatz einer weiteren Eskalation.
Zeitzeugen beschrieben Robert Maudsley als einen ungewöhnlichen Insassen. Während viele Patienten laut, impulsiv oder aggressiv auftraten, fiel er durch seine ruhige Art auf. Er sprach wenig, las viel und zog sich häufig zurück. Mehrere Berichte ehemaliger Mitarbeiter schildern ihn als höflich im Umgang mit dem Personal, solange er nicht provoziert wurde. Diese ruhige Fassade bedeutete jedoch keineswegs, dass er ungefährlich war. Im Gegenteil: Maudsley entwickelte offenbar eine tiefe Verachtung gegenüber Männern, die Kinder missbraucht oder getötet hatten. Ob dieses Feindbild aus seiner eigenen traumatischen Kindheit entstand oder später zu einer moralischen Rechtfertigung seiner eigenen Gewalt wurde, lässt sich heute nicht eindeutig beantworten. Forensische Psychologen sehen darin eine komplexe Mischung aus persönlichen Traumata, tiefem Hass und dem Bedürfnis, die eigenen Taten als gerecht erscheinen zu lassen. Fest steht, dass sich seine Gewalt nicht wahllos gegen Mitpatienten richtete. Seine späteren Opfer gehörten ausnahmslos zu Personen, die wegen schwerer Straftaten an Kindern verurteilt worden waren.
Auch Bill Roberts befand sich im Jahr 1977 in Broadmoor. Er war wegen des Mordes an einem Kind verurteilt worden und galt innerhalb der Einrichtung als gefürchtet. Zwischen ihm und Maudsley entwickelte sich ein gespanntes Verhältnis, über dessen Einzelheiten nur wenig bekannt ist. Am 3. Februar 1977 kam es schließlich zu einer Tat, die Broadmoor nachhaltig erschütterte. Gemeinsam mit einem weiteren Patienten namens David Cheeseman brachte Maudsley Roberts in einen abgeschlossenen Raum innerhalb der Klinik. Was dort während der nächsten Stunden geschah, konnte später anhand der Spuren rekonstruiert werden. Roberts wurde massiv misshandelt und erlitt zahlreiche schwere Kopfverletzungen. Als die Mitarbeiter den Raum schließlich öffneten, war er bereits tot. Die Obduktion ergab, dass die Vielzahl der Verletzungen zu seinem Tod geführt hatte. Anders als in vielen späteren Darstellungen behauptet wurde, wurde Roberts weder zerstückelt noch auf andere spektakuläre Weise getötet. Die oft ausgeschmückten Schilderungen stammen überwiegend aus den Boulevardmedien und finden sich in den offiziellen Ermittlungsunterlagen nicht wieder. David Cheeseman wurde wegen seiner Beteiligung ebenfalls strafrechtlich belangt. Robert Maudsley übernahm hingegen keine erkennbare Verteidigungsstrategie. Wie schon nach dem Tod John Farrells bestritt er die Tat nicht.
Der Mord an Bill Roberts machte deutlich, dass Broadmoor Maudsley nicht mehr ausreichend kontrollieren konnte. Die Klinik war für Therapie und Sicherung ausgelegt, jedoch nicht für einen Patienten, der innerhalb der Einrichtung gezielt andere Insassen tötete. Nach intensiven Beratungen entschieden die britischen Behörden, ihn aus Broadmoor zu verlegen. Sein neuer Aufenthaltsort sollte einer der sichersten des Landes werden: das Hochsicherheitsgefängnis HM Prison Wakefield in West Yorkshire. Wakefield genoss bereits damals einen besonderen Ruf. Es beherbergte zahlreiche wegen Mordes oder anderer schwerster Gewaltverbrechen verurteilte Straftäter und wurde später häufig als „Monster Mansion“ bezeichnet – ein Spitzname, den die britische Presse aufgrund der hohen Zahl berüchtigter Insassen geprägt hatte. Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand ahnen, dass Robert John Maudsley dort innerhalb weniger Stunden zwei weitere Menschen töten würde.
Die Verlegung nach Wakefield basierte auf der Annahme, dass Maudsley in einem klassischen Hochsicherheitsgefängnis besser kontrolliert werden könne als in einer psychiatrischen Einrichtung. Rückblickend erwies sich diese Einschätzung jedoch als folgenschwer. Während in Broadmoor zumindest therapeutische Ansätze verfolgt wurden, traf Maudsley in Wakefield erneut auf zahlreiche Sexual- und Gewaltstraftäter, darunter auch Männer, die wegen Verbrechen an Kindern verurteilt worden waren. Genau jene Tätergruppe also, gegen die sich seine Gewalt bereits mehrfach gerichtet hatte. Aus heutiger Sicht erscheint dies wie eine riskante Konstellation. Dennoch entsprach sie den damaligen Möglichkeiten des britischen Strafvollzugs.
Bereits nach dem Tod von Bill Roberts begann die britische Boulevardpresse, Robert Maudsley als außergewöhnlichen Serienmörder darzustellen. Es machten Berichte über angebliche extreme Grausamkeiten die Runde, die sich jedoch nicht in den offiziellen Ermittlungsakten finden. Bereits zu diesem Zeitpunkt entstand das Bild eines Mannes, der andere Gefangene gezielt jagte. Tatsächlich ist belegt, dass seine Opfer keine zufälligen Personen waren. Ebenso belegt ist jedoch, dass viele später erzählte Details – etwa besonders spektakuläre Verstümmelungen oder ritualisierte Handlungen – auf Gerüchten beruhen und nie nachgewiesen wurden. Die größte Legende seines Lebens sollte allerdings erst ein Jahr später entstehen. Nach den Ereignissen in Wakefield wurde Robert John Maudsley weltweit unter einem Namen bekannt, der ihn bis heute begleitet – obwohl die Geschichte dahinter nach heutigem Kenntnisstand nicht der Wahrheit entspricht.
Als Robert John Maudsley im Jahr 1977 in das Hochsicherheitsgefängnis HM Prison Wakefield verlegt wurde, galt er bereits als äußerst gefährlicher Straftäter. Zwei Menschen waren durch seine Hand ums Leben gekommen: John Farrell in London und Bill Roberts im Broadmoor Hospital. Für die Gefängnisverwaltung stand vor allem eines im Vordergrund: Maudsley musste streng überwacht werden. Wakefield gehörte zu den sichersten Justizvollzugsanstalten Großbritanniens. Hinter den hohen Mauern verbüßten zahlreiche Mörder, Sexualstraftäter und Gewaltverbrecher langjährige oder lebenslange Haftstrafen. Das Gefängnis war darauf ausgelegt, Männer unterzubringen, die als besonders gefährlich galten. Dass ausgerechnet hier zwei weitere Gefangene sterben würden, konnte dennoch niemand verhindern.
Später beschrieben mehrere ehemalige Bedienstete Maudsley als einen Mann, der nur wenig Interesse am Gefängnisalltag zeigte. Er beteiligte sich kaum an Gesprächen, hielt Abstand zu anderen Häftlingen und verbrachte den Großteil seiner Zeit mit Lesen oder Nachdenken. Im Gegensatz zu vielen Insassen fiel er nicht durch ständige Aggressionen oder Disziplinarverstöße auf. Doch dieser ruhige Eindruck täuschte. Hinter seiner kontrollierten Fassade lebte ein Mann, der offenbar bereits entschieden hatte, welche Menschen seiner Meinung nach kein Recht mehr auf Leben besaßen. Laut Aussagen von Mitgefangenen äußerte Maudsley mehrfach seine Verachtung gegenüber Sexualstraftätern, insbesondere gegenüber Männern, die Kinder missbraucht oder getötet hatten. Ob diese Äußerungen wörtlich so fielen, lässt sich heute nicht mehr überprüfen. Unbestritten ist jedoch, dass sich seine späteren Opfer erneut aus genau dieser Tätergruppe rekrutierten.
Der 29. Juli 1978 begann im Gefängnis Wakefield zunächst wie jeder andere Tag. Die Häftlinge bewegten sich innerhalb der erlaubten Bereiche und die Bediensteten überwachten den Tagesablauf. Nichts deutete auf die Ereignisse hin, die wenig später folgen sollten. Im Laufe des Tages traf Robert Maudsley auf den 46-jährigen Salney Darwood. Dieser verbüßte eine Haftstrafe wegen schwerer Sexualdelikte an Kindern. Über die Begegnung zwischen beiden existieren nur wenige gesicherte Informationen. Fest steht jedoch, dass Maudsley Darwood in dessen Zelle oder in unmittelbarer Nähe attackierte. Als die Bediensteten später auf Darwood aufmerksam wurden, war er bereits tot. Die Obduktion ergab zahlreiche Stichverletzungen, die mit einer improvisierten Stichwaffe zugefügt worden waren. Den Ermittlungen zufolge hatte Maudsley die Waffe aus einfachen Alltagsgegenständen hergestellt, was darauf hindeutet, dass die Tat zumindest teilweise vorbereitet gewesen sein könnte.
Kurz nach Darwoods Tod traf Maudsley auf einen weiteren Gefangenen: William Roberts. William Roberts. Auch er verbüßte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen der Ermordung eines Kindes. Auch diese Begegnung endete tödlich. Auch Roberts wurde mit zahlreichen Stichverletzungen getötet. Wie bereits beim ersten Opfer setzte Maudsley eine improvisierte Waffe ein. Beide Tötungsdelikte ereigneten sich innerhalb weniger Stunden. Damit hatte Robert John Maudsley insgesamt vier Menschen getötet, darunter drei Männer, die wegen Verbrechen an Kindern verurteilt worden waren. Diese Auswahl der Opfer gilt als eines der markantesten Merkmale seines Tatverhaltens.
Bis heute ranken sich um die Ereignisse des 29. Juli zahlreiche Geschichten. Die bekannteste lautet, Maudsley sei nach den beiden Morden ruhig auf einen Gefängnisbeamten zugegangen und habe sinngemäß Folgendes erklärt: „Beim Appell fehlen zwei.“ Diese Formulierung findet sich seit Jahrzehnten in Büchern, Zeitungsartikeln und Fernsehdokumentationen. Ob sie exakt so ausgesprochen wurde, lässt sich allerdings nicht anhand offizieller Gerichtsunterlagen nachweisen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine sinngemäße Wiedergabe, die sich im Laufe der Zeit zu einem festen Bestandteil der Erzählung entwickelt hat. Gesichert ist hingegen, dass Maudsley keinen Fluchtversuch unternahm und sich den Gefängnisbeamten gegenüber nicht zur Wehr setzte. Wie schon nach seinen früheren Taten versuchte er nicht, seine Verantwortung zu leugnen.
Die Doppeltötung löste in der britischen Justiz erhebliche Diskussionen aus. Erstmals war es einem Gefangenen gelungen, in einem Hochsicherheitsgefängnis zwei Mithäftlinge zu töten, obwohl er bereits als äußerst gefährlich eingestuft worden war. Für die Gefängnisverwaltung stand nun fest, dass die bisherigen Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichten. Man befürchtete weitere Tötungsdelikte, sollte Maudsley erneut mit anderen Gefangenen in Kontakt kommen. Die Konsequenz war außergewöhnlich.
Nach den Morden beschlossen die Behörden, Robert John Maudsley dauerhaft von anderen Gefangenen zu trennen. Für ihn wurde innerhalb des Gefängnisses eine speziell gesicherte Einzelzelle eingerichtet, die sich deutlich von gewöhnlichen Haftzellen unterschied. Sie verfügte über verstärkte Stahl- und Betonelemente, Sicherheitsscheiben und ein Schleusensystem, das den Kontakt zu Bediensteten auf ein Minimum reduzierte. Lebensmittel und andere Gegenstände konnten über gesicherte Durchreichen übergeben werden, ohne dass unmittelbarer Körperkontakt erforderlich war. Diese Unterbringung führte später zu zahlreichen Medienberichten. Dabei wurde häufig behauptet, Maudsley lebe „in einem gläsernen Käfig“. Tatsächlich handelte es sich jedoch nicht um einen vollständig verglasten Raum, sondern um eine besonders gesicherte Hochsicherheitszelle mit Sichtschutz- und Sicherheitsglas in bestimmten Bereichen. Die populäre Darstellung eines Käfigs aus Glas ist daher eine starke Vereinfachung. Dennoch verbrachte Maudsley fortan den überwiegenden Teil seines Lebens in nahezu vollständiger Isolation – eine Maßnahme, die selbst innerhalb des britischen Strafvollzugs außergewöhnlich war.
Mit den Morden von Wakefield begann auch die mediale Mythenbildung. Zeitungen überboten sich mit immer drastischeren Schlagzeilen. Robert Maudsley wurde nicht mehr nur als Gefängnismörder beschrieben, sondern als Inbegriff des unkontrollierbaren Gewaltverbrechers. In diesem Umfeld entstand auch jene Geschichte, die seinen Namen bis heute begleitet: die Behauptung, er habe nach einem der Morde Teile des Gehirns eines Opfers gegessen und sei deshalb „Hannibal the Cannibal“ Großbritanniens. Die Geschichte verbreitete sich rasend schnell. Doch je genauer Historiker und Kriminaljournalisten die damaligen Ermittlungsakten untersuchten, desto deutlicher wurde: Für diese Behauptung existieren keine belastbaren Beweise. Im nächsten Kapitel wird deshalb der wohl bekannteste Mythos um Robert John Maudsley detailliert aufgearbeitet. Anhand der verfügbaren Quellen wird dort zwischen belegbaren Tatsachen und jahrzehntelang wiederholten Legenden unterschieden – ein entscheidender Unterschied für jede seriöse Darstellung von True Crime.
Robert John Maudsley war nach den Doppelmorden im Hochsicherheitsgefängnis Wakefield in ganz Großbritannien bekannt. Die Medien berichteten ausführlich über den Mann, der bereits zum vierten Mal getötet hatte und nun dauerhaft von anderen Gefangenen getrennt werden sollte. Doch nicht diese Taten machten ihn weltweit berühmt. Es ist eine Geschichte, die bis heute in zahllosen Büchern, Fernsehdokumentationen und auf Internetseiten zu finden ist – obwohl sie sich nie beweisen ließ. So entstand der Mythos vom „Kannibalen von Wakefield“.
Wenige Tage nach den Morden erschienen in mehreren britischen Boulevardzeitungen Berichte, denen zufolge Robert Maudsley nach einem seiner Gefängnismorde Teile des Gehirns seines Opfers gegessen haben soll. Einige Zeitungen behaupteten sogar, er habe das Gehirn mit einem Löffel verzehrt. Andere schrieben, er habe lediglich ein kleines Stück davon probiert. Die Geschichten wurden von Zeitung zu Zeitung dramatischer. Bereits kurze Zeit später tauchte erstmals der Spitzname „Hannibal the Cannibal” auf – Jahre bevor die Romanfigur Hannibal Lecter durch Thomas Harris und später durch den Film „Das Schweigen der Lämmer” weltberühmt wurde. Die Sensationspresse hatte ihren neuen Bösewicht gefunden.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen seriöser Kriminalgeschichte und Boulevardjournalismus. Die offiziellen Ermittlungen nach den Morden von Wakefield ergaben zahlreiche Stichverletzungen und massive Gewalteinwirkungen an den Leichen von Salney Darwood und William Roberts. Doch weder die Obduktionsberichte noch die Gerichtsunterlagen enthalten einen Nachweis dafür, dass Maudsley menschliches Gewebe gegessen oder Gehirnteile entfernt hat. Ebenso wenig existiert ein kriminaltechnischer Beleg für Kannibalismus. Auch spätere Historiker und Autoren, die sich intensiv mit den Originalquellen beschäftigten, kamen zu keinem anderen Ergebnis: Die Behauptung lässt sich nicht belegen. Warum sich die Geschichte dennoch so hartnäckig hält, liegt vermutlich an ihrer außergewöhnlichen Wirkung. Ein Serienmörder, der seine Opfer verspeist, erregt deutlich mehr Aufmerksamkeit als ein Gefängnismörder, der gezielt andere Straftäter tötet. Genau diese Dramatisierung machte den Mythos über Jahrzehnte hinweg attraktiv für die Boulevardmedien.
Kriminalhistoriker beobachten immer wieder ein ähnliches Muster. Besonders spektakuläre Verbrechen werden oft mit zusätzlichen Details ausgeschmückt, die nie nachgewiesen wurden. Mit jeder neuen Veröffentlichung wird die Geschichte weitererzählt, bis sie schließlich als vermeintliche Tatsache erscheint. Im Fall von Robert Maudsley lässt sich dieser Prozess besonders gut nachvollziehen. Frühere Zeitungsberichte dienten späteren Autoren als Quelle. Diese übernahmen die Angaben, ohne die ursprünglichen Ermittlungsakten zu prüfen. So entstand mit der Zeit eine Erzählung, die sich immer weiter von den tatsächlichen Ereignissen entfernte. Heute findet man den Kannibalismus-Vorwurf auf unzähligen Internetseiten. Seriöse Fachliteratur weist jedoch regelmäßig darauf hin, dass hierfür keine belastbaren Beweise existieren.
Während die Öffentlichkeit über den sogenannten Kannibalen diskutierte, verbrachte Robert Maudsley sein Leben nahezu vollständig abgeschottet von der Außenwelt. Die Berichte ehemaliger Gefängnisbeamter zeichnen ein überraschend anderes Bild als die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen. Mehrere Bedienstete beschrieben ihn als höflich, ruhig und außerordentlich intelligent. Er soll sich intensiv mit Literatur, Geschichte und Philosophie beschäftigt haben. Konflikte mit dem Personal seien vergleichsweise selten gewesen, solange niemand versuchte, ihn zu provozieren. Diese Aussagen dürfen jedoch nicht romantisiert werden. Freundliches Verhalten gegenüber Gefängnisbeamten ändert nichts an der Tatsache, dass Maudsley vier Menschen getötet hat. Sie verdeutlichen vielmehr, wie komplex die Persönlichkeiten schwerer Gewaltverbrecher sein können. Sie lassen sich selten auf einfache Schlagworte wie „Monster“ oder „Bestie“ reduzieren.
Nach den Ereignissen von Wakefield entschieden die britischen Behörden, dass Robert Maudsley dauerhaft von anderen Gefangenen getrennt werden müsse. Es bestand die Sorge, dass er erneut gezielt Häftlinge angreifen könnte, wenn sich ihm die Gelegenheit dazu bot. Deshalb wurde seine speziell gesicherte Zelle zu seinem Lebensmittelpunkt. Über viele Jahre verbrachte er den größten Teil des Tages allein. Der Kontakt zu anderen Gefangenen war nahezu ausgeschlossen. Selbst Begegnungen mit Bediensteten erfolgten unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Spaziergänge fanden einzeln statt, Besuche wurden sorgfältig überwacht und jede Veränderung des Haftalltags musste genehmigt werden. Diese Form der Langzeitisolation zählt zu den strengsten Haftbedingungen im britischen Strafvollzug und ist bis heute Gegenstand kontroverser Diskussionen. Befürworter argumentieren, sie sei notwendig gewesen, um weitere Tötungsdelikte zu verhindern. Kritiker verweisen hingegen auf die erheblichen psychischen Folgen jahrzehntelanger Isolation.
Kaum ein britischer Straftäter steht so exemplarisch für den Unterschied zwischen belegbaren Tatsachen und öffentlicher Wahrnehmung wie Robert John Maudsley. Fest steht: Er hat vier Männer getötet. Drei seiner Opfer waren wegen Verbrechen an Kindern verurteilt worden, das vierte, John Farrell, war ebenfalls einschlägig wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft. Maudsley lebt seit Jahrzehnten unter außergewöhnlich strengen Sicherheitsbedingungen. Er gehört zu den bekanntesten Gefangenen Großbritanniens.
Nicht belegt ist Kannibalismus. Der Verzehr von Gehirngewebe. Es gibt zahlreiche spektakuläre Schilderungen über den Ablauf der Gefängnismorde. Außerdem gibt es viele wörtlich überlieferte Zitate, die ihm zugeschrieben werden.
Gerade diese klare Trennung macht den Fall so außergewöhnlich. Die Realität ist erschütternd genug, zusätzliche Legenden sind nicht nötig.